Im Wartezimmer einer Zahnarztpraxis mit Nicolae Ceausescu und seiner Frau Elena. Sie sehen erbärmlich aus, ganz zerrupft. Er mit Pelzmütze und sie in einem dunkelbraunen Regencape. Er links und sie rechts von mir. Sie versucht ihn unablässig zum Abnehmen seiner Kopfbedeckung zu bewegen, doch er ist störrisch und hält die Mütze mit der Rechten fest auf den Kopf gepresst.
Als er los wettert, sie solle ihn in Frieden lassen, das sei seine Entscheidung, sehe ich seine schlechten Zähne. Sie sind wirklich sehr schlecht.
Außer uns dreien ist niemand weiter anwesend.
Mir fällt das Fehlen jeglicher Hinweise darauf, dass dieser Raum zu einer Zahnarztpraxis gehören könnte auf.
Nachgerade panisch befrage ich Elena Ceausescu dazu. Sie gehe davon aus, hier bei einem Zahnarzt zu sein - aber genau wisse sie es auch nicht. Was sie viel mehr interessiere sei, wie ich dazu stünde, dass ihr Gatte die Frechheit besitzt, in geschlossenen Räumen seine Mütze aufzubehalten. Ich raune ihr zu, dass ich schon lange glaube, es gäbe nun einmal Landstriche, die nichts Gutes hervorbringen. Rumänien hielte ich für einen typischen Fall.
Sie nickt zustimmend.
Dann sitzen wir lange und schweigend in einer Reihe und starren auf die gegenüberliegende Wand. Nicolae, Elena und ich.
Mir fällt ein, dass sie ja auch Rumänin ist. Ängstlich blicke ich zu ihr, sie aber lächelt mich nur freundlich an. Freundlich und sehr, sehr dumm.
Dann verlasse ich den Raum durch die einzige Tür auf die Strasse und kaufe mir ein Joghurt-Eis.
Am Rechner überwältigen mich die Zeilen van Drichs. Er ist göttlich. Zumindest ein großer Dichter.
Kann keine Statistiken, die meine Theorie zur geringeren Strahlungs-Empfindlichkeit bei Alten bestätigen würden, finden. Gerate darüber so sehr in Wut, dass ich mir ein Schweineschnitzel braten muss.
Im Moment bekommt man das sehr preiswert. Beim Essen fällt mir auch auf, warum. Ein neuer Dioxin-Skandal ist im Verzug, lese ich in der Tagespresse. Außerdem neues über die friedenserhaltenden Maßnahmen.
Kürzlich waren in einer Sendung ein New Yorker Vater und sein Sohn portraitiert. Der neunzehnjährige Sohn war Feuer und Flamme, sich freiwillig für den Irakkrieg zu melden. Zum Kummer seines Vaters, der ihn nicht verstand.
Des Vaters Generation; wahrscheinlich eine zwischen den Kriegern.
Papa berichtet mir via Telefon von Großvaters Geburtstag. Wie scheußlich alles gewesen sei. Höre im Hintergrund Muttis relativierendes "Na ja."
Papas Empfinden nach entwickle sich sein Schwiegervater zunehmend zu einem Mynheer Peeperkorn. Mit ausschweifenden Gesten würde er Satzanfänge wahllos aneinander reihen. Mit gewichtiger Miene berichte er vom Kauf einer neuen Klopapierhalterung wie von der Erlösung der Menschheit. Außerdem hätte er zwischen beherzten Wodkazügen immer wieder auf seine jungfräuliche Leber hingewiesen "..jungfräulich, ich sage euch wahrhaft jungfräulich, bestätigt mein Arzt!"
Dabei hätte er nun schon eine richtig rotknollige Trinker-Nase, das könne niemandem entgehen.
Ich versuche ihn durch zurückhaltende Reaktion zu nicht noch mehr Geschichten zu ermuntern. Ich weiß, wie sehr Mutti sich über diese Auswertungen ärgert, auch wenn sie kollegial mitlacht. Schließlich ist es ihr Vater.
Papa wechselt das Thema. Großmutter. Die würde auch immer wirklichkeitsfremder. Mittlerweile behaupte sie, eine Art Ziehvater Kowalskis gewesen zu sein. Bloß weil sie im Osten eine mittel-berühmte Opernsängerin war.
Ich vermute, dass er Mutti ihre privilegierte Kindheit neidet und deshalb gern an ihrer Familie herummäkelt. Eigentlich warte ich auf Protest. Unverhoffter Weise sagt er aber nur "Kann schon sein."
Es passiert mir immer öfter, dass ich einem wichtigen Gedanken sehr nahe zu sein glaube, ihn aber nicht greifen kann. Vage wabert er im Raum, ohne das er Konturen gewinnt. Eine Konzentrationsschwäche oder Hirnschwund?
Als er los wettert, sie solle ihn in Frieden lassen, das sei seine Entscheidung, sehe ich seine schlechten Zähne. Sie sind wirklich sehr schlecht.
Außer uns dreien ist niemand weiter anwesend.
Mir fällt das Fehlen jeglicher Hinweise darauf, dass dieser Raum zu einer Zahnarztpraxis gehören könnte auf.
Nachgerade panisch befrage ich Elena Ceausescu dazu. Sie gehe davon aus, hier bei einem Zahnarzt zu sein - aber genau wisse sie es auch nicht. Was sie viel mehr interessiere sei, wie ich dazu stünde, dass ihr Gatte die Frechheit besitzt, in geschlossenen Räumen seine Mütze aufzubehalten. Ich raune ihr zu, dass ich schon lange glaube, es gäbe nun einmal Landstriche, die nichts Gutes hervorbringen. Rumänien hielte ich für einen typischen Fall.
Sie nickt zustimmend.
Dann sitzen wir lange und schweigend in einer Reihe und starren auf die gegenüberliegende Wand. Nicolae, Elena und ich.
Mir fällt ein, dass sie ja auch Rumänin ist. Ängstlich blicke ich zu ihr, sie aber lächelt mich nur freundlich an. Freundlich und sehr, sehr dumm.
Dann verlasse ich den Raum durch die einzige Tür auf die Strasse und kaufe mir ein Joghurt-Eis.
Am Rechner überwältigen mich die Zeilen van Drichs. Er ist göttlich. Zumindest ein großer Dichter.
Mutter Vor der NaseDas Bild - als Kurzfilm. Die Situation stumm und diese Zeilen als Untertitel. Bruahahaha..
eine
Apothekerzeitschrift,
sah ich
Füße in Schuhen
stecken, die denen
meiner Mutter
ähnelten.
Ich hörte sie noch
vierundzwanzigmal
über den Granit klackern.
Dann
wurde alles
vom Surren einer
Straßenbahn
verschluckt,
die hier alle zwölf Minuten
entlangfährt.
Aber ich blickte nicht auf
von meiner
Apothekerzeitschrift, nur
wegen Gesundheitsschuhen.
Kann keine Statistiken, die meine Theorie zur geringeren Strahlungs-Empfindlichkeit bei Alten bestätigen würden, finden. Gerate darüber so sehr in Wut, dass ich mir ein Schweineschnitzel braten muss.
Im Moment bekommt man das sehr preiswert. Beim Essen fällt mir auch auf, warum. Ein neuer Dioxin-Skandal ist im Verzug, lese ich in der Tagespresse. Außerdem neues über die friedenserhaltenden Maßnahmen.
Kürzlich waren in einer Sendung ein New Yorker Vater und sein Sohn portraitiert. Der neunzehnjährige Sohn war Feuer und Flamme, sich freiwillig für den Irakkrieg zu melden. Zum Kummer seines Vaters, der ihn nicht verstand.
Des Vaters Generation; wahrscheinlich eine zwischen den Kriegern.
Papa berichtet mir via Telefon von Großvaters Geburtstag. Wie scheußlich alles gewesen sei. Höre im Hintergrund Muttis relativierendes "Na ja."
Papas Empfinden nach entwickle sich sein Schwiegervater zunehmend zu einem Mynheer Peeperkorn. Mit ausschweifenden Gesten würde er Satzanfänge wahllos aneinander reihen. Mit gewichtiger Miene berichte er vom Kauf einer neuen Klopapierhalterung wie von der Erlösung der Menschheit. Außerdem hätte er zwischen beherzten Wodkazügen immer wieder auf seine jungfräuliche Leber hingewiesen "..jungfräulich, ich sage euch wahrhaft jungfräulich, bestätigt mein Arzt!"
Dabei hätte er nun schon eine richtig rotknollige Trinker-Nase, das könne niemandem entgehen.
Ich versuche ihn durch zurückhaltende Reaktion zu nicht noch mehr Geschichten zu ermuntern. Ich weiß, wie sehr Mutti sich über diese Auswertungen ärgert, auch wenn sie kollegial mitlacht. Schließlich ist es ihr Vater.
Papa wechselt das Thema. Großmutter. Die würde auch immer wirklichkeitsfremder. Mittlerweile behaupte sie, eine Art Ziehvater Kowalskis gewesen zu sein. Bloß weil sie im Osten eine mittel-berühmte Opernsängerin war.
Ich vermute, dass er Mutti ihre privilegierte Kindheit neidet und deshalb gern an ihrer Familie herummäkelt. Eigentlich warte ich auf Protest. Unverhoffter Weise sagt er aber nur "Kann schon sein."
Es passiert mir immer öfter, dass ich einem wichtigen Gedanken sehr nahe zu sein glaube, ihn aber nicht greifen kann. Vage wabert er im Raum, ohne das er Konturen gewinnt. Eine Konzentrationsschwäche oder Hirnschwund?
Bettina Andrae - am Donnerstag, 20. Februar 2003, 17:39
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Morgens wütend in die Wörther Strasse. Was ich sonst alles machen könnte!
Kurz nach Ladenöffnung, kommt LO als erstes herein. Ich erledige gerade Bestellungen, da sieht er mich.
"Hä? Bettina? Wat machst'n du hier, kleene Büchermaus, oder wat?"
Die Kollegin sieht verwundert zu mir herüber.
"Hmm, naja.. arbeiten."
"Darum seh ick dich hier in letzter Zeit ständig irgendwo in der Gegend."
"Hmm.."
Wahrscheinlich bin ich rot im Gesicht.
Er hat einen Thailand-Reiseführer bestellt.
"Ick muss mit meener kleen' Tochter nach Thailand fahr'n."
"Hmm.. hihi. Aha."
Ich bin froh, als er wieder weg ist.
Die Kollegin will wissen, ob ich den kenne, ein Stammkunde sei das, der Herr S.
Ich sage ihr, dass das der Zeichner von den Strichmännchen ist. Ach so?
Vor ein paar Jahren habe ich so schön mit ihm getanzt. Er ist jemand, der mir unheimlich ist, weil alles an ihm zu stimmen scheint. Ein schöner Mann. Man meint immer, er müsse gleich einen Spaten aus der Tasche holen und damit beginnen, einen Acker umzugraben. Selbstverständlich mit freiem Oberkörper.
Wurstle mich bis 16.00 Uhr durch und fahre dann zu Lubosch. Er hat schon gewartet.
Seine Eltern sitzen in der Küche und schweigen. Er schweigt noch mehr.
"Tach!", sage ich, um die Stimmung zu lockern.
"Ich hab vielleicht einen Hunger, kann ich da den Rest Nudeln haben?"
Lubosch nickt. Er scheint verzweifelt.
Dann fängt seine Mutter an "Ich musste ja hier erstmal alles putzen, das sah ja aus hier! Na ja, man sieht eben, dass das kein Frauenhaushalt ist. Dabei ist das so eine schöne Wohnung, mein Junge. Da könnte man mit ein bissel Geschmack ein richtiges Puppenstübchen draus machen!"
Sein Vater starrt angestrengt aus dem Fenster. Er scheint die Reden seiner Frau überhören gelernt zu haben.
Ich versuche es mit einem lauen Scherz, im dem ich auf die Schokoladenwaffeln, die auf dem Tisch liegen, deutend sage "Oh, Du hast gebacken Lubosch. Wie schön."
Sie scheinen aufzutauen. Der Vater erkundigt sich nach Luboschs Zukunftsplänen und die Mutter erzählt mir von ihren Krankheiten, von ihrem Urlaub, von ihrer schönen Küche und davon, dass der Lubosch ihr ja immer so viel Kummer gemacht habe damals. Da müsse man sich gar nicht wundern, dass man krank wird.
Immer, wenn der Vater etwas zu erzählen versucht, unterbricht sie ihn und redet wieder von ihren Krankheiten.
Ich kann nicht mehr zuhören. Mir dröhnt der Schädel. Sie sagt, ich müsse mal vorbei kommen, unbedingt. Ich nicke einfach. Lubosch sieht mich warnend an.
Extrem hibbelig warte ich ab, bis sie sich endlich verabschieden. Bin immer kurz davor zu brüllen: SCHNAUZE!!
Dann habe ich nur noch eine halbe Stunde Zeit um mir für abends Texte herauszusuchen.
Lubosch fährt mich zur Kantine.
Meine Mutter und meine Schwester sitzen im Publikum.
Die Veranstaltung gefällt mir. Vor allem Schote ist sehr gut. Das hatte ich gar nicht so in Erinnerung. Extrem trocken, mit etwas von dem nötigen Kummer dabei.
Meine Mutter ist traurig, dass ich nicht noch mit ihr und meiner Schwester irgendetwas trinken gehen will. Ich biete ihr an, doch dorthin mitzukommen, wo wir alle jetzt noch hingingen. Nach einem reinen Familienabend steht mir gerade einfach nicht der Sinn. Das versteht sie, aber mitkommen mag sie nicht.
Nachts ziehe ich noch mit dem schon sehr betrunkenen Hans in die Kastanienalle um. Ich bestelle ein Tonic-Wasser, bekomme ein Gin-Tonic und trinke es trotzdem. Meine Schwester hatte mich schon bei der Weinschorle böse angesehen.
Unterhalte mich unverhofft gut mit Hans, trotz seines Zustandes.
Kurz nach Ladenöffnung, kommt LO als erstes herein. Ich erledige gerade Bestellungen, da sieht er mich.
"Hä? Bettina? Wat machst'n du hier, kleene Büchermaus, oder wat?"
Die Kollegin sieht verwundert zu mir herüber.
"Hmm, naja.. arbeiten."
"Darum seh ick dich hier in letzter Zeit ständig irgendwo in der Gegend."
"Hmm.."
Wahrscheinlich bin ich rot im Gesicht.
Er hat einen Thailand-Reiseführer bestellt.
"Ick muss mit meener kleen' Tochter nach Thailand fahr'n."
"Hmm.. hihi. Aha."
Ich bin froh, als er wieder weg ist.
Die Kollegin will wissen, ob ich den kenne, ein Stammkunde sei das, der Herr S.
Ich sage ihr, dass das der Zeichner von den Strichmännchen ist. Ach so?
Vor ein paar Jahren habe ich so schön mit ihm getanzt. Er ist jemand, der mir unheimlich ist, weil alles an ihm zu stimmen scheint. Ein schöner Mann. Man meint immer, er müsse gleich einen Spaten aus der Tasche holen und damit beginnen, einen Acker umzugraben. Selbstverständlich mit freiem Oberkörper.
Wurstle mich bis 16.00 Uhr durch und fahre dann zu Lubosch. Er hat schon gewartet.
Seine Eltern sitzen in der Küche und schweigen. Er schweigt noch mehr.
"Tach!", sage ich, um die Stimmung zu lockern.
"Ich hab vielleicht einen Hunger, kann ich da den Rest Nudeln haben?"
Lubosch nickt. Er scheint verzweifelt.
Dann fängt seine Mutter an "Ich musste ja hier erstmal alles putzen, das sah ja aus hier! Na ja, man sieht eben, dass das kein Frauenhaushalt ist. Dabei ist das so eine schöne Wohnung, mein Junge. Da könnte man mit ein bissel Geschmack ein richtiges Puppenstübchen draus machen!"
Sein Vater starrt angestrengt aus dem Fenster. Er scheint die Reden seiner Frau überhören gelernt zu haben.
Ich versuche es mit einem lauen Scherz, im dem ich auf die Schokoladenwaffeln, die auf dem Tisch liegen, deutend sage "Oh, Du hast gebacken Lubosch. Wie schön."
Sie scheinen aufzutauen. Der Vater erkundigt sich nach Luboschs Zukunftsplänen und die Mutter erzählt mir von ihren Krankheiten, von ihrem Urlaub, von ihrer schönen Küche und davon, dass der Lubosch ihr ja immer so viel Kummer gemacht habe damals. Da müsse man sich gar nicht wundern, dass man krank wird.
Immer, wenn der Vater etwas zu erzählen versucht, unterbricht sie ihn und redet wieder von ihren Krankheiten.
Ich kann nicht mehr zuhören. Mir dröhnt der Schädel. Sie sagt, ich müsse mal vorbei kommen, unbedingt. Ich nicke einfach. Lubosch sieht mich warnend an.
Extrem hibbelig warte ich ab, bis sie sich endlich verabschieden. Bin immer kurz davor zu brüllen: SCHNAUZE!!
Dann habe ich nur noch eine halbe Stunde Zeit um mir für abends Texte herauszusuchen.
Lubosch fährt mich zur Kantine.
Meine Mutter und meine Schwester sitzen im Publikum.
Die Veranstaltung gefällt mir. Vor allem Schote ist sehr gut. Das hatte ich gar nicht so in Erinnerung. Extrem trocken, mit etwas von dem nötigen Kummer dabei.
Meine Mutter ist traurig, dass ich nicht noch mit ihr und meiner Schwester irgendetwas trinken gehen will. Ich biete ihr an, doch dorthin mitzukommen, wo wir alle jetzt noch hingingen. Nach einem reinen Familienabend steht mir gerade einfach nicht der Sinn. Das versteht sie, aber mitkommen mag sie nicht.
Nachts ziehe ich noch mit dem schon sehr betrunkenen Hans in die Kastanienalle um. Ich bestelle ein Tonic-Wasser, bekomme ein Gin-Tonic und trinke es trotzdem. Meine Schwester hatte mich schon bei der Weinschorle böse angesehen.
Unterhalte mich unverhofft gut mit Hans, trotz seines Zustandes.
Bettina Andrae - am Dienstag, 18. Februar 2003, 21:52
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Sandkrug-Opa im Traum lebendig.
Er kommt mich mit dem Fahrrad bis nach Pankow besuchen.
Er ist nicht mehr blind, erklärt, das sei so wenn man den Tod schon hinter sich hätte. Da könne man dann wieder sehen.
Er wäre aber eigentlich hier, um mir bei den Mathe-Hausaufgaben zu helfen.
Ich weiß von keinen Mathe-Hausaufgaben.
Er wird ungehalten, ich soll mich nicht so haben, für ihn wäre das doch ein Klacks, er wolle mir eben helfen, wo er nur könne.
Ich versichere, wirklich keinerlei Mathe-Hausaufgaben zu haben, bitte ihn aber stattdessen, mir die Offenbarung des Johannes zu erklären, die hätte ich noch nie begriffen.
Er zuckt verständnislos mit den Achseln. Warum ich ihn das frage. Na, er sei doch Pastor und hätte doch sonst immer all meine Fragen zu solchen Dingen gerne beantwortet. Er weiß von nichts. Er, ein Pastor?
Noch vor der Wörther Strasse an den Rechner, Post holen. Ele will wissen, ob es mir im März an einem Wochenende recht sei, nach Stuttgart zu kommen und Uwe, ob ich schon an Namensgebung denke, Andrea Andrae vielleicht?
In der Wörther Strasse überkommt mich kaum im Laden eine üble Laune. Beschließe, die den ganzen Tag demonstrativ vor mir her zu tragen, damit mich keiner anspricht.
Zur Strafe muss ich Bestandsaufnahmen machen, das Ödeste überhaupt. Den ganzen Tag mit Verlags-Listen durch den Laden zwischen Kunden und Regalen entlang krauchen und notieren, was da ist und was nicht.
Der andere Lehrling erzählt mir von Rocco, der vor ein paar Tagen da gewesen sei, um sich nach dem Verkauf seines Buches zu erkundigen.
"Ich hab erst gedacht, das ist ein Verrückter. Der ist so gehumpelt, wollte, dass ich ihn anrufe, wenn ein Parkplatz vor der Buchhandlung frei wird. Als ob ich nichts anderes zu tun hätte, also nee!"
Ich muss lachen.
"Verrückt, oder?"
"Hm."
Dann bekomme ich auch noch drei so aktuelle Frauen-Liebes-Romane in die Hand gedrückt, die solle ich bitte mal schnell lesen. Ich müsse schließlich auch solche Bücher verkaufen und wissen, worum es geht.
Chöner Cheiß!
Abends so müde wie selten. Bin ich doch weniger robust als ich dachte?
Er kommt mich mit dem Fahrrad bis nach Pankow besuchen.
Er ist nicht mehr blind, erklärt, das sei so wenn man den Tod schon hinter sich hätte. Da könne man dann wieder sehen.
Er wäre aber eigentlich hier, um mir bei den Mathe-Hausaufgaben zu helfen.
Ich weiß von keinen Mathe-Hausaufgaben.
Er wird ungehalten, ich soll mich nicht so haben, für ihn wäre das doch ein Klacks, er wolle mir eben helfen, wo er nur könne.
Ich versichere, wirklich keinerlei Mathe-Hausaufgaben zu haben, bitte ihn aber stattdessen, mir die Offenbarung des Johannes zu erklären, die hätte ich noch nie begriffen.
Er zuckt verständnislos mit den Achseln. Warum ich ihn das frage. Na, er sei doch Pastor und hätte doch sonst immer all meine Fragen zu solchen Dingen gerne beantwortet. Er weiß von nichts. Er, ein Pastor?
Noch vor der Wörther Strasse an den Rechner, Post holen. Ele will wissen, ob es mir im März an einem Wochenende recht sei, nach Stuttgart zu kommen und Uwe, ob ich schon an Namensgebung denke, Andrea Andrae vielleicht?
In der Wörther Strasse überkommt mich kaum im Laden eine üble Laune. Beschließe, die den ganzen Tag demonstrativ vor mir her zu tragen, damit mich keiner anspricht.
Zur Strafe muss ich Bestandsaufnahmen machen, das Ödeste überhaupt. Den ganzen Tag mit Verlags-Listen durch den Laden zwischen Kunden und Regalen entlang krauchen und notieren, was da ist und was nicht.
Der andere Lehrling erzählt mir von Rocco, der vor ein paar Tagen da gewesen sei, um sich nach dem Verkauf seines Buches zu erkundigen.
"Ich hab erst gedacht, das ist ein Verrückter. Der ist so gehumpelt, wollte, dass ich ihn anrufe, wenn ein Parkplatz vor der Buchhandlung frei wird. Als ob ich nichts anderes zu tun hätte, also nee!"
Ich muss lachen.
"Verrückt, oder?"
"Hm."
Dann bekomme ich auch noch drei so aktuelle Frauen-Liebes-Romane in die Hand gedrückt, die solle ich bitte mal schnell lesen. Ich müsse schließlich auch solche Bücher verkaufen und wissen, worum es geht.
Chöner Cheiß!
Abends so müde wie selten. Bin ich doch weniger robust als ich dachte?
Bettina Andrae - am Dienstag, 18. Februar 2003, 21:51
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Werfe eine Münze, ob ich nach Kreuzberg fahren soll, sechs Stunden in der Schule zuzubringen oder einfach schwänzen. Freue mich wie ein Schneekönig über Kopf.
Kopf sollte schwänzen bedeuten.
Fahre trotzdem los.
Drei Blöcke a zwei Stunden.
Verkauf, Rechnungswesen, Literatur.
Von einem Lehrer wird mir nahe gelegt, an der Klassenfahrt nach Prag unbedingt teilzunehmen.
"Gerade ihnen würde ich das raten, Frau Andrae. Ihre Vorgänger haben auch immer alle daran teilgenommen. Ich habe ein interessantes literarisches Programm ausgearbeitet."
Mir wird unbehaglich bei der Vorstellung, in einem Pulk mit Lehrer nach Prag zu fahren und ein interessantes literarisches Programm geboten zu bekommen.
Ich lehne dankend ab. Er scheint beleidigt.
Wie kann man so etwas denn von erwachsenen Menschen fordern wollen?
Ähnlich bedrohlich empfinde ich die Ankündigung im Fach Verkauf, die kommende Woche fingierte Verkaufssituationen, in Rollenspielen nachgestellt, vorsieht.
Dazu müssten Gruppen gebildet werden. Das ganze würde dann auf Video festgehalten und im Anschluss ausgewertet.
Die Mehrheit scheint davon tatsächlich begeistert. Warum besuchen sie in ihrer Freizeit keine Laienspiel-Gruppen?
In der Mittagspause wunderschönes Wetter.
Mit Nudeln und Tee raus auf das Gelände hinter der Mensa. Ein paar Stufen hinter der gepflasterten Fläche hoch; Hecken und dahinter eine Bank. Kein Mensch weiter dort.
Die scharfe, kalte Luft. Dazu die gleißende Sonne. Schließe die Augen und halte ihr meine Zähne entgegen. Das macht glücklich, wegen der vielen Hormone, die dabei entstehen sollen. Über die Zähne wird am meisten Strahlung absorbiert, sagt meine Großmutter.
Ob Rentner oder eben Leute ohne Zähne auch gegen böse Strahlung gefeit sind?
Muss mal nach Statistiken über Tschernobyl suchen, ob die Alten gegenüber den Jungen weniger Schaden genommen haben.
Das Wetter macht wirklich glücklich. Es erinnert mich an Zacatecas. Ein Morgen in der Stadt im Norden Mexicos. Azaleen überall, eine Bank auf der ich saß, während Elli süßes Weißbrot kaufte. Elli hat immer das süße Weißbrot gekauft, drei Monate lang, weil sie den Geruch der Panaderias so liebte.
Kann man sich an Gerüche erinnern? Versuche es mit dem Geruch der verfaulten Agaven-Felder. Nur riesige, braunmatschige Pflanzen so weit man sehen kann...
Es klappt, glaube den Geruch in der Nase zu haben.
Die Nudeln sind kalt und so gut wie unangerührt. Der Tee auch.
Im letzten Block Literatur. Der Lehrer stellt sich als Klassenleiter vor. Er ist jung und ziemlich aufgeregt. Sympathisch aber.
Er fragt mich, ob ich Bettina Andrae bin.
" '97 Abitur in Pankow am List-Gymnasium?"
"Ja."
"Ein strenges Regime, so schlimm wird's hier nicht."
Er wäre zu dieser Zeit dort Referendar gewesen. Ich kann mich aber nicht an ihn erinnern. Er wohne in der Dunkerstrasse, wäre auch montags schon mal im Schulze gewesen. Grinsen.
Er gibt einen Text herum, was die Klasse dazu denke.
Ein Artikel über Schreibschulen, das Literaturinstitut in Leipzig, Treichel, Haslinger und Juli Zeh.
Kann man Schreiben erlernen? Was soll ein Schriftsteller studieren?
Ein Mädchen meldet sich. Sie sagt, dass man Schreiben nicht erlernen könne.
"Also die echten Schriftsteller, die haben von Anfang an so einen Drang. Es muss aus ihnen heraus, so ganz ursprünglich und unverfälscht. Die können das schon immer, die müssen nichts lernen."
Mehr Meinungen gibt es nicht. Ich werde vom Klassenlehrer herausfordernd angeschaut. Bin wie gelähmt, will und kann gar nichts sagen. Ärgerlich, weil das eigentlich sehr interessant ist. Aber es ist alles so peinlich. Bin ich deshalb arrogant?
Am Nachmittag spazieren.
Einer von zwei Knöpfen platzt an meiner Hose ab als ich mich zum Zeitung lesen ins Alea setze. Er fällt mit einem Pling auf den Boden zwischen meine Füße. Der Kellner sieht es.
Ich bestelle einen Kaffee, trinke schnell aus, zahle und fahre zu Lubosch.
Es ist schön, dass wir so viel Zeit miteinander verbringen, ohne uns auf die Nerven zu gehen. Jeder macht seins und lässt den anderen in Ruhe. In allen vorherigen Beziehungen habe ich soviel Nähe nicht lange ertragen.
Bis in die Nacht am Mac.
Kopf sollte schwänzen bedeuten.
Fahre trotzdem los.
Drei Blöcke a zwei Stunden.
Verkauf, Rechnungswesen, Literatur.
Von einem Lehrer wird mir nahe gelegt, an der Klassenfahrt nach Prag unbedingt teilzunehmen.
"Gerade ihnen würde ich das raten, Frau Andrae. Ihre Vorgänger haben auch immer alle daran teilgenommen. Ich habe ein interessantes literarisches Programm ausgearbeitet."
Mir wird unbehaglich bei der Vorstellung, in einem Pulk mit Lehrer nach Prag zu fahren und ein interessantes literarisches Programm geboten zu bekommen.
Ich lehne dankend ab. Er scheint beleidigt.
Wie kann man so etwas denn von erwachsenen Menschen fordern wollen?
Ähnlich bedrohlich empfinde ich die Ankündigung im Fach Verkauf, die kommende Woche fingierte Verkaufssituationen, in Rollenspielen nachgestellt, vorsieht.
Dazu müssten Gruppen gebildet werden. Das ganze würde dann auf Video festgehalten und im Anschluss ausgewertet.
Die Mehrheit scheint davon tatsächlich begeistert. Warum besuchen sie in ihrer Freizeit keine Laienspiel-Gruppen?
In der Mittagspause wunderschönes Wetter.
Mit Nudeln und Tee raus auf das Gelände hinter der Mensa. Ein paar Stufen hinter der gepflasterten Fläche hoch; Hecken und dahinter eine Bank. Kein Mensch weiter dort.
Die scharfe, kalte Luft. Dazu die gleißende Sonne. Schließe die Augen und halte ihr meine Zähne entgegen. Das macht glücklich, wegen der vielen Hormone, die dabei entstehen sollen. Über die Zähne wird am meisten Strahlung absorbiert, sagt meine Großmutter.
Ob Rentner oder eben Leute ohne Zähne auch gegen böse Strahlung gefeit sind?
Muss mal nach Statistiken über Tschernobyl suchen, ob die Alten gegenüber den Jungen weniger Schaden genommen haben.
Das Wetter macht wirklich glücklich. Es erinnert mich an Zacatecas. Ein Morgen in der Stadt im Norden Mexicos. Azaleen überall, eine Bank auf der ich saß, während Elli süßes Weißbrot kaufte. Elli hat immer das süße Weißbrot gekauft, drei Monate lang, weil sie den Geruch der Panaderias so liebte.
Kann man sich an Gerüche erinnern? Versuche es mit dem Geruch der verfaulten Agaven-Felder. Nur riesige, braunmatschige Pflanzen so weit man sehen kann...
Es klappt, glaube den Geruch in der Nase zu haben.
Die Nudeln sind kalt und so gut wie unangerührt. Der Tee auch.
Im letzten Block Literatur. Der Lehrer stellt sich als Klassenleiter vor. Er ist jung und ziemlich aufgeregt. Sympathisch aber.
Er fragt mich, ob ich Bettina Andrae bin.
" '97 Abitur in Pankow am List-Gymnasium?"
"Ja."
"Ein strenges Regime, so schlimm wird's hier nicht."
Er wäre zu dieser Zeit dort Referendar gewesen. Ich kann mich aber nicht an ihn erinnern. Er wohne in der Dunkerstrasse, wäre auch montags schon mal im Schulze gewesen. Grinsen.
Er gibt einen Text herum, was die Klasse dazu denke.
Ein Artikel über Schreibschulen, das Literaturinstitut in Leipzig, Treichel, Haslinger und Juli Zeh.
Kann man Schreiben erlernen? Was soll ein Schriftsteller studieren?
Ein Mädchen meldet sich. Sie sagt, dass man Schreiben nicht erlernen könne.
"Also die echten Schriftsteller, die haben von Anfang an so einen Drang. Es muss aus ihnen heraus, so ganz ursprünglich und unverfälscht. Die können das schon immer, die müssen nichts lernen."
Mehr Meinungen gibt es nicht. Ich werde vom Klassenlehrer herausfordernd angeschaut. Bin wie gelähmt, will und kann gar nichts sagen. Ärgerlich, weil das eigentlich sehr interessant ist. Aber es ist alles so peinlich. Bin ich deshalb arrogant?
Am Nachmittag spazieren.
Einer von zwei Knöpfen platzt an meiner Hose ab als ich mich zum Zeitung lesen ins Alea setze. Er fällt mit einem Pling auf den Boden zwischen meine Füße. Der Kellner sieht es.
Ich bestelle einen Kaffee, trinke schnell aus, zahle und fahre zu Lubosch.
Es ist schön, dass wir so viel Zeit miteinander verbringen, ohne uns auf die Nerven zu gehen. Jeder macht seins und lässt den anderen in Ruhe. In allen vorherigen Beziehungen habe ich soviel Nähe nicht lange ertragen.
Bis in die Nacht am Mac.
Bettina Andrae - am Dienstag, 18. Februar 2003, 21:50
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Stehe in aller Herrgottsfrühe auf. Habe mich scheinbar tatsächlich schon an diesen Geordnetes Leben-Rhythmus gewöhnt.
Duschen. An den Schreibtisch. Mache ein bisschen an einer Idee herum. Dann doch noch müde. Aber jetzt noch mal ins Bett wäre fatal.
Vielleicht sollte ich mich mit Apfelessig einreiben oder so. Habe mal gehört, das soll gut sein.
Kriege stattdessen Lust auf Faxen machen.
Schreibe an Papa eine Post, in der ich behaupte, dass ich ihn gerne über meine momentane Lebenslage informieren wolle, ich hätte das Gefühl, zwischen uns stimme die Kommunikation nicht mehr richtig. Schließlich, wir haben uns seit mehreren Tagen schon nicht mehr gesehen. Jeder bekäme nur über zwei Ecken etwas vom anderen mit, so entstünden Gerüchte über meinen Lebenswandel, die wolle ich dementieren.
Es läge mir viel an einem guten Verhältnis.
Um mögliche Missverständnisse aus dem Weg zu räumen, hätte ich ein kleines Ton-Dokument für ihn aufgenommen, das ein für allemal Klarheit schaffen solle. Dass es etwas rauscht, läge daran, dass ich es auf dem Klo aufgenommen hätte.
Hänge eine Schnippselei von Fragmenten Honeckers letzten Interviews als MP3 folgenden Wortlautes an.
Was die Behaupdung - ... - an - ... - belangt - öh- dass wir in Wandlitz - öh - in Saus und Braus - ... - gelebt haben, dass wir - ... - Wasser geredet - ... - und Wein gedrunken haben - ... - so möchde ich - ... - für mich und meine Familie fest - ... - stellen, dass wir - ... - überhaubt gor gein Wein - ... - gedrunken haben. Und erst recht - ... - kein Wodka - ... - und auch kein Cognac.
Wir ham uns - ... - begnügt - ... - mit Bier - ... - und dem normalen Essen - ... - dass für jeden Bürger der DDR zur - ... - Verfügung stand.
Ich habe - ................ - jeden Morgen - ... - ein - ... - oder zwei - ... - Brödchen gegessen - ... - mid Budder und - ... - Honig - ... - Middags - ... - hab ich im Dsendralgommitee - ... - gegessen - ... - entweder gegrillte Wurst - ... - mid Gardoffelbüree - ... - Maggerohni mid Schbegg - ... - oder mid Gullasch. Abends - ... - hab ich zu Hause - ... - gegessen - ... - etwas Fernsehen ge - ... - sehen und bin schlafen gegangen - ... - wenn es die Dseit ermöglischt had, weil ich zur selben Zeit in Berlin war! - ... - Wenn ich auserhalb war - ... - so hab ich - ... - von dem gelebt, was mir - ... - Genossen angeboten haben.
Ich weiß, dass Papa das amüsieren wird, obwohl er der Bande noch immer nichts verzeiht.
Leider endet der letzte Satz nicht auf .. Genossen zugesteckt haben .
Dann mit dem Rad in die Wörther Strasse.
Die sechzig Exemplare Judith Hermanns Buch sind restlos ausverkauft. Nach nur einer Woche.
Stupid White Men geht auch wie Hölle. Fast täglich Nachbestellungen.
Kurz nach Ladenöffnung kommt eine alte Frau herein gehutzelt. Zielsicher und energetisch kommt sie auf Frau M. und mich zu gewackelt.
Dunkelblaues Popelin-Mäntelchen mit Kaninchenfell-Kragen und eine Mütze wie ein Mini-Turban in gleichem Blau.
Sie hat lustige Augen. Klein und rot-gerubbelt. Funkelnd. Darüber eine monströse Brille, die sie aber schnell abnimmt, weil es wohl keine Lesebrille ist.
Sie linst auf ein Zettelchen, das sie zuvor aus ihrer altmodischen Handtasche genestelt hat. Darauf sind winzig klein etliche Titel notiert, von denen sie wissen will, ob die hier "käuflich zu erwerben sind, wat?"
Im breitesten Berlinerisch.
"Wattick fragen wollte, hamse Janz Berlin is een Jedicht da? Und den kleen' Knigge, hamse den da? Und dit Berliner Liederbuch? Und Zille, hamse den? Und Kochen nach Berliner Rezepte? Hamse da?
Wissense, dit hat mir meene Nichte hier notiert. Für wenn man mal wo is. Als Mittebringsel, wa? Immer jut, für jede Gelegenheit, wat? Halt ick sie von wat ab? Nö, wa.."
Frau M., stellt sich hinter sie. Bedeutet mir, sie ginge mal eben. Meine Kundin. Ein ironisches Grinsen.
Sie scheint nicht zu wissen, welche Freude sie mir damit macht. Von mir aus kann die Frau hier erzählen, so viel sie mag.
Tut sie auch.
"Kiekense mal! ", sie holt einen Kalender aus ihrer Handtasche und hält ihn mir unter die Nase.
"Sehnse, wat da steht? Da steht Elfriede. Na? Könnse sich wat denken?
Ja, Elfriede dit bin ick. Naja, eigentlich werdick ja immer gleich mal misstrauisch, wenn mich jemand Elfriede nennt. Denn isser nämlich nich ausm engeren Kreis, verstehnse? Für meine Familie bin ick ja Motte, wat? Motte. Weil ick immer die kleenste und die frechste war, hihi..
Und sehnse, der Kalender, der is janich oberflächlich oder so, kennt man ja och, son Quatsch hier mit oberflächlichen Sprüchen, wa?
Aber der hier.., ick kann ihn ja mal wat verraten. Also ick hab den vor zwee Jahren jeschenkt jekriegt. Und mich hattet fast ausn Socken jehebelt, wa? Na ick muss dit erklären. Kiekense ma, hier immer jeden Monat wat andret zu Elfriede. Allet Zufall, denkense, na ach spielt keene Rolle. Und hier bei Juli, kiekense mal da is der Eifelturm druff, und wat war Juli '44? Da war meen Mann grad in Paris. Und als er jestorben is hatter jesagt, eines Tages Elfriede, da siehste och noch mal den Eifelturm."
Sie funkelt triumphierend mit ihren kleinen Augen.
"Naja, aber dit nur am Rande, wa? Nur am Rande. Allet Zufall.."
Frau M. macht mir im Rücken der Alten Zeichen. Sie fährt mit der flachen Hand immer von links nach rechts vor ihrem Hals herum und verdreht die Augen.
"Und bei November, kiekense mal die kleene Katze, im November '78 habick meene Minka jekriegt. Und im November '89 isse jestorben. Jenau zehn Jahre. Immer im November..."
Ein anderer Kollege kommt hinter, zu mir und der Alten.
Er stellt mir ostentativ eine Tasse Tee auf den Tisch, so dass sogar die Alte das Zeichen versteht und mit "Ach entschuldigense, ick halte sie ab, wat?" ihre Sachen in die Handtasche zurück tut und davon trippelt.
Schade.
Ich weiß gar nicht, was man gegen so jemanden haben kann. Ich hätte ohnehin nichts wichtigeres zu tun gehabt.
Der Rest des Tages dann öde.
Mittags beim Inder.
Auf den Arbeitsschluss hin fiebern.
Habe das Gefühl, dass mir misstrauisch auf den Bauch gestarrt wird. Langsam lässt es sich nur noch schwer verbergen.
Zu Hause an den Rechner.
Abends mit Lubosch "Helge Schneider. Frühe Meisterwerke." Aus den Achziger Jahren, schon so genial wie jetzt.
Gehe nicht mehr in den Muff-Club, weil die Aussicht, Apfel- oder Tomatensaft statt Bier zu trinken, irgendwie die Lust darauf gen Null tendieren lässt.
Duschen. An den Schreibtisch. Mache ein bisschen an einer Idee herum. Dann doch noch müde. Aber jetzt noch mal ins Bett wäre fatal.
Vielleicht sollte ich mich mit Apfelessig einreiben oder so. Habe mal gehört, das soll gut sein.
Kriege stattdessen Lust auf Faxen machen.
Schreibe an Papa eine Post, in der ich behaupte, dass ich ihn gerne über meine momentane Lebenslage informieren wolle, ich hätte das Gefühl, zwischen uns stimme die Kommunikation nicht mehr richtig. Schließlich, wir haben uns seit mehreren Tagen schon nicht mehr gesehen. Jeder bekäme nur über zwei Ecken etwas vom anderen mit, so entstünden Gerüchte über meinen Lebenswandel, die wolle ich dementieren.
Es läge mir viel an einem guten Verhältnis.
Um mögliche Missverständnisse aus dem Weg zu räumen, hätte ich ein kleines Ton-Dokument für ihn aufgenommen, das ein für allemal Klarheit schaffen solle. Dass es etwas rauscht, läge daran, dass ich es auf dem Klo aufgenommen hätte.
Hänge eine Schnippselei von Fragmenten Honeckers letzten Interviews als MP3 folgenden Wortlautes an.
Was die Behaupdung - ... - an - ... - belangt - öh- dass wir in Wandlitz - öh - in Saus und Braus - ... - gelebt haben, dass wir - ... - Wasser geredet - ... - und Wein gedrunken haben - ... - so möchde ich - ... - für mich und meine Familie fest - ... - stellen, dass wir - ... - überhaubt gor gein Wein - ... - gedrunken haben. Und erst recht - ... - kein Wodka - ... - und auch kein Cognac.
Wir ham uns - ... - begnügt - ... - mit Bier - ... - und dem normalen Essen - ... - dass für jeden Bürger der DDR zur - ... - Verfügung stand.
Ich habe - ................ - jeden Morgen - ... - ein - ... - oder zwei - ... - Brödchen gegessen - ... - mid Budder und - ... - Honig - ... - Middags - ... - hab ich im Dsendralgommitee - ... - gegessen - ... - entweder gegrillte Wurst - ... - mid Gardoffelbüree - ... - Maggerohni mid Schbegg - ... - oder mid Gullasch. Abends - ... - hab ich zu Hause - ... - gegessen - ... - etwas Fernsehen ge - ... - sehen und bin schlafen gegangen - ... - wenn es die Dseit ermöglischt had, weil ich zur selben Zeit in Berlin war! - ... - Wenn ich auserhalb war - ... - so hab ich - ... - von dem gelebt, was mir - ... - Genossen angeboten haben.
Ich weiß, dass Papa das amüsieren wird, obwohl er der Bande noch immer nichts verzeiht.
Leider endet der letzte Satz nicht auf .. Genossen zugesteckt haben .
Dann mit dem Rad in die Wörther Strasse.
Die sechzig Exemplare Judith Hermanns Buch sind restlos ausverkauft. Nach nur einer Woche.
Stupid White Men geht auch wie Hölle. Fast täglich Nachbestellungen.
Kurz nach Ladenöffnung kommt eine alte Frau herein gehutzelt. Zielsicher und energetisch kommt sie auf Frau M. und mich zu gewackelt.
Dunkelblaues Popelin-Mäntelchen mit Kaninchenfell-Kragen und eine Mütze wie ein Mini-Turban in gleichem Blau.
Sie hat lustige Augen. Klein und rot-gerubbelt. Funkelnd. Darüber eine monströse Brille, die sie aber schnell abnimmt, weil es wohl keine Lesebrille ist.
Sie linst auf ein Zettelchen, das sie zuvor aus ihrer altmodischen Handtasche genestelt hat. Darauf sind winzig klein etliche Titel notiert, von denen sie wissen will, ob die hier "käuflich zu erwerben sind, wat?"
Im breitesten Berlinerisch.
"Wattick fragen wollte, hamse Janz Berlin is een Jedicht da? Und den kleen' Knigge, hamse den da? Und dit Berliner Liederbuch? Und Zille, hamse den? Und Kochen nach Berliner Rezepte? Hamse da?
Wissense, dit hat mir meene Nichte hier notiert. Für wenn man mal wo is. Als Mittebringsel, wa? Immer jut, für jede Gelegenheit, wat? Halt ick sie von wat ab? Nö, wa.."
Frau M., stellt sich hinter sie. Bedeutet mir, sie ginge mal eben. Meine Kundin. Ein ironisches Grinsen.
Sie scheint nicht zu wissen, welche Freude sie mir damit macht. Von mir aus kann die Frau hier erzählen, so viel sie mag.
Tut sie auch.
"Kiekense mal! ", sie holt einen Kalender aus ihrer Handtasche und hält ihn mir unter die Nase.
"Sehnse, wat da steht? Da steht Elfriede. Na? Könnse sich wat denken?
Ja, Elfriede dit bin ick. Naja, eigentlich werdick ja immer gleich mal misstrauisch, wenn mich jemand Elfriede nennt. Denn isser nämlich nich ausm engeren Kreis, verstehnse? Für meine Familie bin ick ja Motte, wat? Motte. Weil ick immer die kleenste und die frechste war, hihi..
Und sehnse, der Kalender, der is janich oberflächlich oder so, kennt man ja och, son Quatsch hier mit oberflächlichen Sprüchen, wa?
Aber der hier.., ick kann ihn ja mal wat verraten. Also ick hab den vor zwee Jahren jeschenkt jekriegt. Und mich hattet fast ausn Socken jehebelt, wa? Na ick muss dit erklären. Kiekense ma, hier immer jeden Monat wat andret zu Elfriede. Allet Zufall, denkense, na ach spielt keene Rolle. Und hier bei Juli, kiekense mal da is der Eifelturm druff, und wat war Juli '44? Da war meen Mann grad in Paris. Und als er jestorben is hatter jesagt, eines Tages Elfriede, da siehste och noch mal den Eifelturm."
Sie funkelt triumphierend mit ihren kleinen Augen.
"Naja, aber dit nur am Rande, wa? Nur am Rande. Allet Zufall.."
Frau M. macht mir im Rücken der Alten Zeichen. Sie fährt mit der flachen Hand immer von links nach rechts vor ihrem Hals herum und verdreht die Augen.
"Und bei November, kiekense mal die kleene Katze, im November '78 habick meene Minka jekriegt. Und im November '89 isse jestorben. Jenau zehn Jahre. Immer im November..."
Ein anderer Kollege kommt hinter, zu mir und der Alten.
Er stellt mir ostentativ eine Tasse Tee auf den Tisch, so dass sogar die Alte das Zeichen versteht und mit "Ach entschuldigense, ick halte sie ab, wat?" ihre Sachen in die Handtasche zurück tut und davon trippelt.
Schade.
Ich weiß gar nicht, was man gegen so jemanden haben kann. Ich hätte ohnehin nichts wichtigeres zu tun gehabt.
Der Rest des Tages dann öde.
Mittags beim Inder.
Auf den Arbeitsschluss hin fiebern.
Habe das Gefühl, dass mir misstrauisch auf den Bauch gestarrt wird. Langsam lässt es sich nur noch schwer verbergen.
Zu Hause an den Rechner.
Abends mit Lubosch "Helge Schneider. Frühe Meisterwerke." Aus den Achziger Jahren, schon so genial wie jetzt.
Gehe nicht mehr in den Muff-Club, weil die Aussicht, Apfel- oder Tomatensaft statt Bier zu trinken, irgendwie die Lust darauf gen Null tendieren lässt.
Bettina Andrae - am Donnerstag, 13. Februar 2003, 19:27
Morgens um 7.00 Uhr steige ich Märkisches Museum von der U-Bahn in den Bus. Lege dem Fahrer ungefähr drei Euro in kleinen Münzen auf seine Kassenapparatur, wovon ich dann zwischen Kontrollblicken in das Fahrergesicht nach und nach wieder neunzig Cent zurücknehme. Bis der Preis für einen Fahrschein stimmt.
Wahrscheinlich werde ich für minder begabt oder eine Ausländerin gehalten.
Ich bin lange nicht mehr mit dem ÖPNV gefahren, zumindest nicht mit Fahrschein.
Ruderverein Welle-Poseidon, Bruahahah..
"Ein Mann in Mantel sah zur Schwester herüber". Stimmt. Das regt die Phantasie an, man muss die Adjektive möglichst weglassen.
Über dem Gedanken verpasse ich die Station Schlesisches Tor und fahre noch etliche Minuten weiter, weil ich mir nicht sicher bin, ob Schlesisches Tor nicht erst noch kommt.
Kurz vor der Warschauer wird mir der Fehler bewusst.
Ich muss eine Kurzstrecke mit dem Taxi nehmen, um meinen Termin zur Anmeldung wahrnehmen zu können. Ich hasse Unpünktlichkeit. Sie ist fast immer zu vermeiden.
Unpünktliche Menschen sind zumeist Wichtigtuer. Oder es ist pathologisch.
Bei Betreten des Schulgebäudes bekomme ich regelrecht Magenschmerzen. Schon der Geruch.
Damals war ich so glücklich, als mit dem Abitur die Schule endlich vorbei war. Das letzte Jahr ohnehin nur noch zu den Prüfungen dort gewesen. Ich habe die Schule gehasst.
Und nun setze ich mich dieser Situation freiwillig wieder aus.
War es nicht doch ein Fehler, das Studium abzubrechen? Auch wenn es mir immer mehr sinnlos erschien, allein die damit verbundene Freiheit werde ich sicherlich vermissen.
Bekomme plötzlich wieder richtige Lust zu studieren. Sogar ein Thema zur Magisterarbeit fällt mir ein.
Vielleicht hat es seinen Sinn, ich lerne einen Luxus schätzen.
Der Grund, weshalb ich mich eine halbe Stunde vor Unterricht im Sekretariat melden sollte, ist eine benötigte Unterschrift von mir. Zehn Sekunden.
Mein erster Eindruck von der Klasse, zu der ich ein Semester später stoße, weil ich die Lehrzeit um ein Jahr verkürzen darf, ist der eines Haufen Abiturienten.
Wie sehr ich mich getäuscht habe, sehe ich auf einer Liste, in die ich mich mit ein paar persönlichen Angaben eintragen soll.
Die meisten sind älter als ich. Einer sogar schon Achtunddreissig, promovierter Politologe. Was sucht der hier?
Was mache ich denn hier?
Das Gesicht eines runden, blonden Mädchens kommt mir bekannt vor. Sie sieht die ganze Zeit lächelnd zu mir herüber. Woher kenne ich sie?
Die meisten sagen "Wir" oder "bei Uns", wenn sie von der Buchhandlung, wo sie arbeiten sprechen. Wie schnell das mit der Identifikation immer geht.
Die intellektuell größte Herausforderung des Tages ist, zu erläutern, worum es sich bei einem Kreisdiagramm handelt.
Man müsse zu achtzig Prozent anwesend sein, sonst würde man nicht zur Prüfung zugelassen.
Die schöne Zeit.
In der Kantine oder Mensa oder was.. fressen sie alle Fritten aus essbaren Waffel-Schalen. Obwohl es wahlweise drei anständige Tages-Gerichte gibt.
Glücklicherweise schon ab 14.00 Uhr Schluss. Immer nur sechs Stunden.
Herrlicher Sonnenschein, über den ich meinen Missmut vergesse.
Am Fenster Judith Hermanns Gespenster. Gar nicht schlecht manches, nur sehe ich nicht die viel beschworene Weiterentwicklung.
Schon ein seltsamer Vorwurf, das mit der Nabelschau, obwohl er freilich zutrifft. Eigentlich ja fast immer zutrifft.
Lubosch legt abends auf, ich habe aber keine Lust wegzugehen.
Stattdessen bis 22.00 Uhr am Sawatzki, dann tot.
Werde ich zum Zombie?
Wahrscheinlich werde ich für minder begabt oder eine Ausländerin gehalten.
Ich bin lange nicht mehr mit dem ÖPNV gefahren, zumindest nicht mit Fahrschein.
Ruderverein Welle-Poseidon, Bruahahah..
"Ein Mann in Mantel sah zur Schwester herüber". Stimmt. Das regt die Phantasie an, man muss die Adjektive möglichst weglassen.
Über dem Gedanken verpasse ich die Station Schlesisches Tor und fahre noch etliche Minuten weiter, weil ich mir nicht sicher bin, ob Schlesisches Tor nicht erst noch kommt.
Kurz vor der Warschauer wird mir der Fehler bewusst.
Ich muss eine Kurzstrecke mit dem Taxi nehmen, um meinen Termin zur Anmeldung wahrnehmen zu können. Ich hasse Unpünktlichkeit. Sie ist fast immer zu vermeiden.
Unpünktliche Menschen sind zumeist Wichtigtuer. Oder es ist pathologisch.
Bei Betreten des Schulgebäudes bekomme ich regelrecht Magenschmerzen. Schon der Geruch.
Damals war ich so glücklich, als mit dem Abitur die Schule endlich vorbei war. Das letzte Jahr ohnehin nur noch zu den Prüfungen dort gewesen. Ich habe die Schule gehasst.
Und nun setze ich mich dieser Situation freiwillig wieder aus.
War es nicht doch ein Fehler, das Studium abzubrechen? Auch wenn es mir immer mehr sinnlos erschien, allein die damit verbundene Freiheit werde ich sicherlich vermissen.
Bekomme plötzlich wieder richtige Lust zu studieren. Sogar ein Thema zur Magisterarbeit fällt mir ein.
Vielleicht hat es seinen Sinn, ich lerne einen Luxus schätzen.
Der Grund, weshalb ich mich eine halbe Stunde vor Unterricht im Sekretariat melden sollte, ist eine benötigte Unterschrift von mir. Zehn Sekunden.
Mein erster Eindruck von der Klasse, zu der ich ein Semester später stoße, weil ich die Lehrzeit um ein Jahr verkürzen darf, ist der eines Haufen Abiturienten.
Wie sehr ich mich getäuscht habe, sehe ich auf einer Liste, in die ich mich mit ein paar persönlichen Angaben eintragen soll.
Die meisten sind älter als ich. Einer sogar schon Achtunddreissig, promovierter Politologe. Was sucht der hier?
Was mache ich denn hier?
Das Gesicht eines runden, blonden Mädchens kommt mir bekannt vor. Sie sieht die ganze Zeit lächelnd zu mir herüber. Woher kenne ich sie?
Die meisten sagen "Wir" oder "bei Uns", wenn sie von der Buchhandlung, wo sie arbeiten sprechen. Wie schnell das mit der Identifikation immer geht.
Die intellektuell größte Herausforderung des Tages ist, zu erläutern, worum es sich bei einem Kreisdiagramm handelt.
Man müsse zu achtzig Prozent anwesend sein, sonst würde man nicht zur Prüfung zugelassen.
Die schöne Zeit.
In der Kantine oder Mensa oder was.. fressen sie alle Fritten aus essbaren Waffel-Schalen. Obwohl es wahlweise drei anständige Tages-Gerichte gibt.
Glücklicherweise schon ab 14.00 Uhr Schluss. Immer nur sechs Stunden.
Herrlicher Sonnenschein, über den ich meinen Missmut vergesse.
Am Fenster Judith Hermanns Gespenster. Gar nicht schlecht manches, nur sehe ich nicht die viel beschworene Weiterentwicklung.
Schon ein seltsamer Vorwurf, das mit der Nabelschau, obwohl er freilich zutrifft. Eigentlich ja fast immer zutrifft.
Lubosch legt abends auf, ich habe aber keine Lust wegzugehen.
Stattdessen bis 22.00 Uhr am Sawatzki, dann tot.
Werde ich zum Zombie?
Bettina Andrae - am Donnerstag, 13. Februar 2003, 19:03
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Glaube meinen Augen nicht zu trauen, als ich morgens in der Wörther Strasse ankomme und direkt vor der Buchhandlung das grüne Pappauto steht. Leide ich unter Verfolgungswahn? Soll ich ins seelische Abseits getrieben werden?
Vielleicht ist es auch nur eine Art Projekt zum Zwecke der Manipulation und Kontrolle. Haaaaaaaaaaaa..
Innerlich so erregt, dass wohl auch äußerlich erkennbar trete ich im Laden auf den Kollegen zu, gebe ihm die Hand zum Morgengruß, doch der sieht entsetzt in mein Gesicht. Wohl weil meine Züge noch irgendwie entgleist sind.
Dann den ganzen Tag über Remittenden erledigen und Verlagsbestellungen durchrechnen.
Endlos und eintönig.
Aber immerhin habe ich dafür meine eigene Ecke an einem Tischlein in der Kinderbuch-Abteilung.
Komme mir dort zwar vor, wie eine zu groß geratene Puppe im Puppenhaus, freue mich aber an meiner Autarkie dort hinten.
Nur ab und an kommen Kunden und stören mich.
Vornehmlich geistesgestörte Mütter, wie mir scheint.
"Was haben sie denn über Kinderkrankheiten da, so im Kleinkind-Stadium, so Hausmittel auch.."
"Hier bei der Pädagogik im Gesundheits-Fach. Zwei Titel haben wir dazu. Sie können gern hinein sehen."
"Welches ist denn besser?"
"Das kommt ganz darauf an, wonach sie suchen. Dieses hier ist eher medizinisch-wissenschaftlich und dies mit vielen Abbildungen und auch einfacher geschrieben. Blättern sie doch einfach ein wenig darin."
"Nein. Welches empfehlen sie mir denn?"
Rrrrghhhhh!
"Ich selbst habe beide Bücher nicht gelesen. Das müssen sie entscheiden. Wieviel wollten sie denn ausgeben?"
"Hmmm, aber sie verkaufen doch die Bücher. Sie müssen doch wissen, was sie da verkaufen!"
"Sehen sie, dort vorn, diese Tantra- und Yogabücher? Habe ich auch alle nicht gelesen."
Mist!
Der Kollege schaut schon immer misstrauisch zu mir. Soll er sich doch mit solchen Leuten abgeben.
Zum Schluss kauft die Frau gar nichts.
Oder etwas später.
Ich setze gerade zum dritten Mal an ein und der selben Stelle einer Rechnung an, da fragt mich eine Mutter mit Kind an der Hand "Haben sie von den Pappheftchen zu 1,20 hier auch Dornröschen da? Wir suchen Dornröschen."
"Es sind nur die Hefte da, die in der Schale da vor ihnen liegen."
Ein großer rot-grüner Plastik-Zwerg hält eine Schale in den Händen. Darin liegen etwa zwanzig kleine Pappheftchen. Bebilderte Märchen. Sehr lieblos und hässlich.
"Können sie bitte nachsehen, ob Dornröschen dabei ist?"
Ich krauche hinter meinem Tischlein mit den Rechnungen hervor, gehe zu dem großen Zwerg, vor dem die Mutter mit ihrem Kind steht, und wühle etwa dreißig Zentimeter vor ihren Augen in der Schale herum. Nach einer halben Minute weiß ich "Nein, Dornröschen ist nicht dabei. Tut mir leid."
"Vorgestern war es auch schon nicht dabei!"
"Ja, die Heftchen kommen immer in solchen Boxen als ganze Serien. Einzeln kann mann die nicht nachbestellen. Wir bekommen die erst wieder in zwei Wochen rein. Ich kann sie ja für Dornröschen vormerken."
"Das hat ihre Kollegin vorgestern auch schon gesagt!"
Rrrrghhhh!
In der Mittagspause finde ich endlich Zeit und Ruhe, beim Inder etwas aufzuschreiben.
Wird man automatisch geisteskrank, sobald man geworfen hat oder werfen hat lassen?
Am frühen Abend setzt sich ein Vater auf das rote Stühlchen neben mich und liest seinem etwa dreijährigen Sohn eine gute Stunde lang in einer Wahnsinns-Lautstärke aus "Mein Esel Benjamin", "Ben liebt Anna" und "Henriette Bimmelbahn" vor. Sein Sohn interessiert sich dafür aber einen Dreck und schmeißt lieber die Bilderbücher aus dem Regal. Dafür wiederum interessiert sich der Vater nun nicht.
Ich vermute, dass er Schauspieler oder professioneller Sprecher ist. Bei der Betonung und der Stimme!
Um 19.00 Uhr muss ich ihn bitten aufzustehen und zu gehen, da der Laden geschlossen werden soll.
Murrend ziehen er und sein Sohn leine.
Vor dem Laden noch immer das grüne Ding.
Kein Wunder, dass ich abends im Schulze keine rechte Freude mehr am Zuhören habe.
Verziehe mich unmittelbar nach der Veranstaltung, die bis auf den Schluss langweilig, schlecht und unsympathisch verlief, sofort nach Hause.
Das einzig Gute waren Maxe mit seinem House of Lichtenberg-Lied und dem professoralen Ur- und Früh-Geschichts-Vortrag.
Vielleicht ist es auch nur eine Art Projekt zum Zwecke der Manipulation und Kontrolle. Haaaaaaaaaaaa..
Innerlich so erregt, dass wohl auch äußerlich erkennbar trete ich im Laden auf den Kollegen zu, gebe ihm die Hand zum Morgengruß, doch der sieht entsetzt in mein Gesicht. Wohl weil meine Züge noch irgendwie entgleist sind.
Dann den ganzen Tag über Remittenden erledigen und Verlagsbestellungen durchrechnen.
Endlos und eintönig.
Aber immerhin habe ich dafür meine eigene Ecke an einem Tischlein in der Kinderbuch-Abteilung.
Komme mir dort zwar vor, wie eine zu groß geratene Puppe im Puppenhaus, freue mich aber an meiner Autarkie dort hinten.
Nur ab und an kommen Kunden und stören mich.
Vornehmlich geistesgestörte Mütter, wie mir scheint.
"Was haben sie denn über Kinderkrankheiten da, so im Kleinkind-Stadium, so Hausmittel auch.."
"Hier bei der Pädagogik im Gesundheits-Fach. Zwei Titel haben wir dazu. Sie können gern hinein sehen."
"Welches ist denn besser?"
"Das kommt ganz darauf an, wonach sie suchen. Dieses hier ist eher medizinisch-wissenschaftlich und dies mit vielen Abbildungen und auch einfacher geschrieben. Blättern sie doch einfach ein wenig darin."
"Nein. Welches empfehlen sie mir denn?"
Rrrrghhhhh!
"Ich selbst habe beide Bücher nicht gelesen. Das müssen sie entscheiden. Wieviel wollten sie denn ausgeben?"
"Hmmm, aber sie verkaufen doch die Bücher. Sie müssen doch wissen, was sie da verkaufen!"
"Sehen sie, dort vorn, diese Tantra- und Yogabücher? Habe ich auch alle nicht gelesen."
Mist!
Der Kollege schaut schon immer misstrauisch zu mir. Soll er sich doch mit solchen Leuten abgeben.
Zum Schluss kauft die Frau gar nichts.
Oder etwas später.
Ich setze gerade zum dritten Mal an ein und der selben Stelle einer Rechnung an, da fragt mich eine Mutter mit Kind an der Hand "Haben sie von den Pappheftchen zu 1,20 hier auch Dornröschen da? Wir suchen Dornröschen."
"Es sind nur die Hefte da, die in der Schale da vor ihnen liegen."
Ein großer rot-grüner Plastik-Zwerg hält eine Schale in den Händen. Darin liegen etwa zwanzig kleine Pappheftchen. Bebilderte Märchen. Sehr lieblos und hässlich.
"Können sie bitte nachsehen, ob Dornröschen dabei ist?"
Ich krauche hinter meinem Tischlein mit den Rechnungen hervor, gehe zu dem großen Zwerg, vor dem die Mutter mit ihrem Kind steht, und wühle etwa dreißig Zentimeter vor ihren Augen in der Schale herum. Nach einer halben Minute weiß ich "Nein, Dornröschen ist nicht dabei. Tut mir leid."
"Vorgestern war es auch schon nicht dabei!"
"Ja, die Heftchen kommen immer in solchen Boxen als ganze Serien. Einzeln kann mann die nicht nachbestellen. Wir bekommen die erst wieder in zwei Wochen rein. Ich kann sie ja für Dornröschen vormerken."
"Das hat ihre Kollegin vorgestern auch schon gesagt!"
Rrrrghhhh!
In der Mittagspause finde ich endlich Zeit und Ruhe, beim Inder etwas aufzuschreiben.
Wird man automatisch geisteskrank, sobald man geworfen hat oder werfen hat lassen?
Am frühen Abend setzt sich ein Vater auf das rote Stühlchen neben mich und liest seinem etwa dreijährigen Sohn eine gute Stunde lang in einer Wahnsinns-Lautstärke aus "Mein Esel Benjamin", "Ben liebt Anna" und "Henriette Bimmelbahn" vor. Sein Sohn interessiert sich dafür aber einen Dreck und schmeißt lieber die Bilderbücher aus dem Regal. Dafür wiederum interessiert sich der Vater nun nicht.
Ich vermute, dass er Schauspieler oder professioneller Sprecher ist. Bei der Betonung und der Stimme!
Um 19.00 Uhr muss ich ihn bitten aufzustehen und zu gehen, da der Laden geschlossen werden soll.
Murrend ziehen er und sein Sohn leine.
Vor dem Laden noch immer das grüne Ding.
Kein Wunder, dass ich abends im Schulze keine rechte Freude mehr am Zuhören habe.
Verziehe mich unmittelbar nach der Veranstaltung, die bis auf den Schluss langweilig, schlecht und unsympathisch verlief, sofort nach Hause.
Das einzig Gute waren Maxe mit seinem House of Lichtenberg-Lied und dem professoralen Ur- und Früh-Geschichts-Vortrag.
Bettina Andrae - am Dienstag, 11. Februar 2003, 21:23
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Ein Bild wie aus einem alten Film, als ich am Morgen in Luboschs Küche stehe und aus dem Fenster in die Gaubenwohnung gegenüber blicke.
Am Fenster eine junge Mestize, die sich in einem Handspiegel betrachtet. Ausgiebig streicht sie sich über Haar und Wangen, nimmt dann die Haut links und rechts vom Kinn jeweils zwischen zwei Finger, zieht sie wie kleine Zelte vom Kiefer weg und lässt sie dann zurück schnappen.
Sie nimmt ihr Haar hinten zusammen und betrachtet dann ihre Stirn, legt sie ein paar mal in Falten, um die dann gleich wieder verschwinden zu lassen.
Sie nutzt wohl das gute Tageslicht.
Mich bemerkt sie nicht. Das ist auch besser. Wahrscheinlich gebe ich ein ziemlich lächerliches Bild ab, wie ich mit einem Geschirrhandtuch vor der Brust, sonst nackend, in Luboschs Küche stehe. Nach dem Duschen war kein Badehandtuch greifbar, darum eines von dem Stapel frischer Geschirrtücher. Über meinen Gesichtsausdruck kann ich keine Auskunft geben. Aber ich vermute: Karpfen. Meine großen Zehen sind sicherlich einander zugewandt, ich sehe lieber gar nicht erst nach.
Ab 12.00 Uhr dann unten in die Puff-Küche.
Zufrieden, hier in Ruhe vor mich hin pfriemeln zu können, bereite ich das Essen vor.
Nach zwei Stunden kommt aber Karola und versucht ein Gespräch anzuzetteln. Sie ist sehr freundlich. Darum wage ich es nicht, sie mit Schweigsamkeit vor den Kopf zu stoßen, sage hier und da mal "Ach so", "Ja?" und "Aha".
Dann kommt auch noch Cem, um hier irgendwas herum zu räumen.
Warum muss man eigentlich immer etwas sagen, obwohl man dazu nicht die geringste Lust hat.
Als sie endlich verschwinden, kommt der Punker. Im Matrosenhemd. Er wirkt irgendwie geschminkt. Was ist mit dem los?
Dann hoch zu Lubosch. Im Treppenhaus aus Roccos Wohnung Country. Muss lachen, wegen des Bildes, das mir dabei in den Kopf kommt.
Sehe Rocco mit überschlagenen Beinen auf einer Couch sitzen. Die Hände hält er im Schoß gefaltet, seinen beschnauzbarteten Mund und die Augen umspielen ein süffisantes Schmunzeln. Er sieht aus wie der fremde Cowboy, der am Tresen einer Bar sitzend die Geschichte vom Big Lebowski erzählt. Nur eben auf der Couch.
Irgendwo im Westen gab es diesen Typen, von dem ich euch was erzählen will. (...) Ja, da wo ich herkomme trägt man das so. (...) Hab nie die Königin in ihren Höschen gesehen.(...) Aber eins sag ich euch! (...) Ich kann lächelnd sterben.
Manchmal gibt es einen Mann ... nicht unbedingt ein Held ... Was ist schon ein Held? Aber manchmal gibts einen Mann ... zur richtigen Zeit, am richtigen Ort, der passt einfach ins Bild. Manchmal ... gibts einen Mann ...
Hab den Faden verloren.
Zwei Weizensoda, Gary!
So ist es eben: manchmal frisst du den Bären und manchmal, jaja..
Strikes und Ratten. Höhen und Tiefen.
Kann ich noch 'nen Sarsaparilla haben?
Wahrscheinlich aber putzt er sich nur die Zähne und hört laut Musik dabei.
Dann am Mac die Geschichte für Montag fertig.
Ab 18.00 Uhr wieder im Puff. Bis 21.00 Uhr ist alles Essen weg. Es scheint geschmeckt zu haben.
Am Fenster eine junge Mestize, die sich in einem Handspiegel betrachtet. Ausgiebig streicht sie sich über Haar und Wangen, nimmt dann die Haut links und rechts vom Kinn jeweils zwischen zwei Finger, zieht sie wie kleine Zelte vom Kiefer weg und lässt sie dann zurück schnappen.
Sie nimmt ihr Haar hinten zusammen und betrachtet dann ihre Stirn, legt sie ein paar mal in Falten, um die dann gleich wieder verschwinden zu lassen.
Sie nutzt wohl das gute Tageslicht.
Mich bemerkt sie nicht. Das ist auch besser. Wahrscheinlich gebe ich ein ziemlich lächerliches Bild ab, wie ich mit einem Geschirrhandtuch vor der Brust, sonst nackend, in Luboschs Küche stehe. Nach dem Duschen war kein Badehandtuch greifbar, darum eines von dem Stapel frischer Geschirrtücher. Über meinen Gesichtsausdruck kann ich keine Auskunft geben. Aber ich vermute: Karpfen. Meine großen Zehen sind sicherlich einander zugewandt, ich sehe lieber gar nicht erst nach.
Ab 12.00 Uhr dann unten in die Puff-Küche.
Zufrieden, hier in Ruhe vor mich hin pfriemeln zu können, bereite ich das Essen vor.
Nach zwei Stunden kommt aber Karola und versucht ein Gespräch anzuzetteln. Sie ist sehr freundlich. Darum wage ich es nicht, sie mit Schweigsamkeit vor den Kopf zu stoßen, sage hier und da mal "Ach so", "Ja?" und "Aha".
Dann kommt auch noch Cem, um hier irgendwas herum zu räumen.
Warum muss man eigentlich immer etwas sagen, obwohl man dazu nicht die geringste Lust hat.
Als sie endlich verschwinden, kommt der Punker. Im Matrosenhemd. Er wirkt irgendwie geschminkt. Was ist mit dem los?
Dann hoch zu Lubosch. Im Treppenhaus aus Roccos Wohnung Country. Muss lachen, wegen des Bildes, das mir dabei in den Kopf kommt.
Sehe Rocco mit überschlagenen Beinen auf einer Couch sitzen. Die Hände hält er im Schoß gefaltet, seinen beschnauzbarteten Mund und die Augen umspielen ein süffisantes Schmunzeln. Er sieht aus wie der fremde Cowboy, der am Tresen einer Bar sitzend die Geschichte vom Big Lebowski erzählt. Nur eben auf der Couch.
Irgendwo im Westen gab es diesen Typen, von dem ich euch was erzählen will. (...) Ja, da wo ich herkomme trägt man das so. (...) Hab nie die Königin in ihren Höschen gesehen.(...) Aber eins sag ich euch! (...) Ich kann lächelnd sterben.
Manchmal gibt es einen Mann ... nicht unbedingt ein Held ... Was ist schon ein Held? Aber manchmal gibts einen Mann ... zur richtigen Zeit, am richtigen Ort, der passt einfach ins Bild. Manchmal ... gibts einen Mann ...
Hab den Faden verloren.
Zwei Weizensoda, Gary!
So ist es eben: manchmal frisst du den Bären und manchmal, jaja..
Strikes und Ratten. Höhen und Tiefen.
Kann ich noch 'nen Sarsaparilla haben?
Wahrscheinlich aber putzt er sich nur die Zähne und hört laut Musik dabei.
Dann am Mac die Geschichte für Montag fertig.
Ab 18.00 Uhr wieder im Puff. Bis 21.00 Uhr ist alles Essen weg. Es scheint geschmeckt zu haben.
Bettina Andrae - am Dienstag, 11. Februar 2003, 21:22
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Von Karlchen geträumt, dass er seine Stimme bei einer eigentlich routinemäßigen Mandel-OP verloren hat.
Die Ärzte haben gepfuscht und nun ist er stumm. Grotesker Weise erfährt er aber gerade deshalb einen Karriereschub.
Vor ausverkauften Hallen steht er vorn am Bühnenrand, malträtiert das Paddle Steel und quietscht ab und an unkontrolliert.
Eigentlich ist es gar keine richtige Musik.
Miete und Falke stehen in Trauerschwarz etwa einen Meter hinter ihm, mit vor der Brust verschränkten Armen wie zwei Bodyguards. Das Paddle Steel wirkt wie eine Mischung aus riesiger Nähmaschine und Hobelbank. Außerdem qualmt und schnauft es wie ein Dampf betriebenes Gerät.
Ich mitten im Publikum, dass vollkommen am Ausrasten ist. Karlchen der stumme Musiker, ein Star.
Habe keine Lust, schon so früh aufzustehen. Bleibe lieber noch im Bett liegen und denke über das stumme Karlchen nach.
Finnland, dort hat er sich die ganze Zeit schon aufs Baltikum gefreut, wegen der gefüllten Teig-Taschen.
Von Helsinki nach Tallinn, wo sie uns nur eine Stunde nach der Überfahrt gleich das Auto ausgeräumt haben - auf einem bewachten Parkplatz. Fast das ganze Gepäck weg.
Dann Lettland, die Kurische Nehrung und Litauen.
Schade, dass Karlchen alle Photos davon hat.
Sowieso, seine Archivier-Wut dabei.
Fünf Jahre fein säuberlich in riesige Alben geklebt und mit neckischen Unterschriften versehen. Erinnere mich, dass er bei dieser Arbeit fast unansprechbar war. Voller Eifer saß er über den Alben und hat geschnitten, arrangiert und geklebt.
Nehme mir vor, sobald wie möglich noch einmal dorthin zu fahren. Allein.
E. ist stinkig, dass ich noch immer nicht die Ausrüstungssachen zurückgebracht habe, ihr Vater bräuchte die dringend.
Warum sie sich die nicht einfach mal selber abholt, sie ist doch ständig in meiner Nähe. Sogar mit dem Auto. Das ist reines Prinzip.
Mitten in meinem Ärger fällt mir ein, dass ich die Rumänien-Bilder noch nicht entwickelt habe. Und das Gebiss, das ich gefunden hatte, wollte ich doch einem Fachmann zeigen. Ob es von einem Wolf ist, wie ich vermute. Wo habe ich das eigentlich liegen?
Suche bis 12.00 Uhr nach etwas passendem für den Wettbewerb. Kann mich nicht entscheiden, ob lieber zwei Kurztexte oder einen längeren Ausschnitt. Warum sie nicht lieber ein Thema statt der Länge vorgeben.
Mit Lubosch 13.00 Uhr einkaufen fahren in den Großmarkt, um dort alles nötige fürs Kochen im Puff zu besorgen.
Rindergulasch mit Rotkohl und Klößen will ich machen. Karola meint, ich müsste so für gut 20 Leute planen.
Unglaublich, wie lange alles dauert. Lubosch ist unfähig, logisch dabei vorzugehen. Ziellos irrt er durch die Gänge und schleppt die unsinnigsten Dinge an. Er ist der Meinung, unbedingt einen Wischeimer mit dazugehörigem Aufsatz und Mopp zu brauchen. Ich frage mich, wozu. Er besitzt so etwas doch schon.
Ich habe längst alle Dinge für das Kochen zusammen, trotzdem rennt er aufgeregt hin und her, weil er meint, er bräuchte noch dies und jenes für morgen zum Frühstück.
Dies und jenes übersteigt dann im Preis die Dinge für das 20-Mann-Essen um mehr als das doppelte.
Wahrscheinlich verwirrt ihm der Duft nach all der Wurst hier die Sinne.
Wir placken alles in seine Fischbüchse.
Kaum sitzt er vor dem Lenkrad, holt er noch auf dem Parkplatz eine Packung Würste und einen Napf mit bayrischem Senf hervor. In einer Wahnsinns-Geschwindigkeit vertilgt er zwei Würste, während er von einer jungen Familie, die neben uns ihr Auto belädt, entgeistert angestarrt wird.
Ich ärgere mich darüber, dass ich mich deshalb über ihn ärgere.
Dann werfe ich ihm auch noch vor, von seinen Eltern falsch erzogen worden zu sein.
"Du hast bestimmt immer sofort alles bekommen, was du haben wolltest, stimmt's?" "Ja, ja.."
"Du hast bestimmt immer so richtig ätzend gequengelt. Verzogen!"
"Ja, ja.."
"Von wegen, du kannst problemlos ein paar Tage mal nichts essen.."
"Ich hab eben nie vernünftig zu essen gelernt. Es gab immer alles bei uns. Ich wurde ja regelrecht gemästet. Meine Alten hatten doch selbst nur das Essen im Kopf. Es ging nur ums Essen und Essen beschaffen..."
Ich fühle mich schlecht. Wie idiotisch, jemandem ausgerechnet seine Erziehung vorzuwerfen, für die er schließlich nichts kann.
In die Lotterstrasse. Alles in die Küche vom Puff bringen und dann bei Lubosch an den Rechner. Sinnloses Gekritzel. Aber eine gute Idee für Montag.
Dann apathisch vor dem Fernseher. Es kommt nur Schwachsinn. Sogar ich bin bestens über die Ereignisse von Deutschland sucht den Superstar informiert, obwohl ich die Sendung noch nie gesehen habe. Auf allen Kanälen tönt es davon. So füllen sie wahrscheinlich billig ihre Sendezeit. Zum Kotzen.
Darüber vergesse ich auch noch vollkommen, mir im Radio das Feature anzuhören. Ich wollte es eigentlich sogar aufnehmen. Ärgerlich, aber jemand anderes wird das sicherlich getan haben.
Meine Brüste erscheinen mir geradezu monströs.
Gucke abends nach Post. Oigen hat mir die Telefonnummer von Kerstin Hensel besorgt. Wie lieb von ihm. Außerdem Post an die Truppe von diesem Kevin-Günther. Er bittet um Texte für seine schwachsinnige Anthologie. Beim bloßen lesen seiner Mail kommt mir das Kotzen. Ganze Lesebühnen hätten sich hinter ihn gestellt, schreibt er großspurig. Warum sagt er denn nicht, welche.
Ich verstehe immer weniger, warum er das eigentlich machen will. Sogar die Darstellung der Bühnenmitglieder soll nun von denen selbst erledigt werden. Nö!
Cem macht Bar im Puff. Spinne und seine Freundin sind da. Sie erzählt mir von alternativen Krebsheilmethoden.
Sehe ich so krank aus?
Aber es geht ihr darum, dass wir alle nur verarscht werden. Von der Medizin, der Politik und überhaupt. Sie plappert wie ein Wasserfall. In vielen Dingen hat sie sicherlich recht.
Ich weiß gar nicht, wann ich das letzte mal so viel geredet habe wie sie in dieser kurzen Zeit.
Sie empfiehlt mir Gisela Elsner und Thomas Strittmatter. Habe von beiden noch nichts gelesen.
Gehe um Mitternacht und vergesse, mich vernünftig zu verabschieden. Hoffentlich denken sie nicht, das wäre Absicht.
Die Ärzte haben gepfuscht und nun ist er stumm. Grotesker Weise erfährt er aber gerade deshalb einen Karriereschub.
Vor ausverkauften Hallen steht er vorn am Bühnenrand, malträtiert das Paddle Steel und quietscht ab und an unkontrolliert.
Eigentlich ist es gar keine richtige Musik.
Miete und Falke stehen in Trauerschwarz etwa einen Meter hinter ihm, mit vor der Brust verschränkten Armen wie zwei Bodyguards. Das Paddle Steel wirkt wie eine Mischung aus riesiger Nähmaschine und Hobelbank. Außerdem qualmt und schnauft es wie ein Dampf betriebenes Gerät.
Ich mitten im Publikum, dass vollkommen am Ausrasten ist. Karlchen der stumme Musiker, ein Star.
Habe keine Lust, schon so früh aufzustehen. Bleibe lieber noch im Bett liegen und denke über das stumme Karlchen nach.
Finnland, dort hat er sich die ganze Zeit schon aufs Baltikum gefreut, wegen der gefüllten Teig-Taschen.
Von Helsinki nach Tallinn, wo sie uns nur eine Stunde nach der Überfahrt gleich das Auto ausgeräumt haben - auf einem bewachten Parkplatz. Fast das ganze Gepäck weg.
Dann Lettland, die Kurische Nehrung und Litauen.
Schade, dass Karlchen alle Photos davon hat.
Sowieso, seine Archivier-Wut dabei.
Fünf Jahre fein säuberlich in riesige Alben geklebt und mit neckischen Unterschriften versehen. Erinnere mich, dass er bei dieser Arbeit fast unansprechbar war. Voller Eifer saß er über den Alben und hat geschnitten, arrangiert und geklebt.
Nehme mir vor, sobald wie möglich noch einmal dorthin zu fahren. Allein.
E. ist stinkig, dass ich noch immer nicht die Ausrüstungssachen zurückgebracht habe, ihr Vater bräuchte die dringend.
Warum sie sich die nicht einfach mal selber abholt, sie ist doch ständig in meiner Nähe. Sogar mit dem Auto. Das ist reines Prinzip.
Mitten in meinem Ärger fällt mir ein, dass ich die Rumänien-Bilder noch nicht entwickelt habe. Und das Gebiss, das ich gefunden hatte, wollte ich doch einem Fachmann zeigen. Ob es von einem Wolf ist, wie ich vermute. Wo habe ich das eigentlich liegen?
Suche bis 12.00 Uhr nach etwas passendem für den Wettbewerb. Kann mich nicht entscheiden, ob lieber zwei Kurztexte oder einen längeren Ausschnitt. Warum sie nicht lieber ein Thema statt der Länge vorgeben.
Mit Lubosch 13.00 Uhr einkaufen fahren in den Großmarkt, um dort alles nötige fürs Kochen im Puff zu besorgen.
Rindergulasch mit Rotkohl und Klößen will ich machen. Karola meint, ich müsste so für gut 20 Leute planen.
Unglaublich, wie lange alles dauert. Lubosch ist unfähig, logisch dabei vorzugehen. Ziellos irrt er durch die Gänge und schleppt die unsinnigsten Dinge an. Er ist der Meinung, unbedingt einen Wischeimer mit dazugehörigem Aufsatz und Mopp zu brauchen. Ich frage mich, wozu. Er besitzt so etwas doch schon.
Ich habe längst alle Dinge für das Kochen zusammen, trotzdem rennt er aufgeregt hin und her, weil er meint, er bräuchte noch dies und jenes für morgen zum Frühstück.
Dies und jenes übersteigt dann im Preis die Dinge für das 20-Mann-Essen um mehr als das doppelte.
Wahrscheinlich verwirrt ihm der Duft nach all der Wurst hier die Sinne.
Wir placken alles in seine Fischbüchse.
Kaum sitzt er vor dem Lenkrad, holt er noch auf dem Parkplatz eine Packung Würste und einen Napf mit bayrischem Senf hervor. In einer Wahnsinns-Geschwindigkeit vertilgt er zwei Würste, während er von einer jungen Familie, die neben uns ihr Auto belädt, entgeistert angestarrt wird.
Ich ärgere mich darüber, dass ich mich deshalb über ihn ärgere.
Dann werfe ich ihm auch noch vor, von seinen Eltern falsch erzogen worden zu sein.
"Du hast bestimmt immer sofort alles bekommen, was du haben wolltest, stimmt's?" "Ja, ja.."
"Du hast bestimmt immer so richtig ätzend gequengelt. Verzogen!"
"Ja, ja.."
"Von wegen, du kannst problemlos ein paar Tage mal nichts essen.."
"Ich hab eben nie vernünftig zu essen gelernt. Es gab immer alles bei uns. Ich wurde ja regelrecht gemästet. Meine Alten hatten doch selbst nur das Essen im Kopf. Es ging nur ums Essen und Essen beschaffen..."
Ich fühle mich schlecht. Wie idiotisch, jemandem ausgerechnet seine Erziehung vorzuwerfen, für die er schließlich nichts kann.
In die Lotterstrasse. Alles in die Küche vom Puff bringen und dann bei Lubosch an den Rechner. Sinnloses Gekritzel. Aber eine gute Idee für Montag.
Dann apathisch vor dem Fernseher. Es kommt nur Schwachsinn. Sogar ich bin bestens über die Ereignisse von Deutschland sucht den Superstar informiert, obwohl ich die Sendung noch nie gesehen habe. Auf allen Kanälen tönt es davon. So füllen sie wahrscheinlich billig ihre Sendezeit. Zum Kotzen.
Darüber vergesse ich auch noch vollkommen, mir im Radio das Feature anzuhören. Ich wollte es eigentlich sogar aufnehmen. Ärgerlich, aber jemand anderes wird das sicherlich getan haben.
Meine Brüste erscheinen mir geradezu monströs.
Gucke abends nach Post. Oigen hat mir die Telefonnummer von Kerstin Hensel besorgt. Wie lieb von ihm. Außerdem Post an die Truppe von diesem Kevin-Günther. Er bittet um Texte für seine schwachsinnige Anthologie. Beim bloßen lesen seiner Mail kommt mir das Kotzen. Ganze Lesebühnen hätten sich hinter ihn gestellt, schreibt er großspurig. Warum sagt er denn nicht, welche.
Ich verstehe immer weniger, warum er das eigentlich machen will. Sogar die Darstellung der Bühnenmitglieder soll nun von denen selbst erledigt werden. Nö!
Cem macht Bar im Puff. Spinne und seine Freundin sind da. Sie erzählt mir von alternativen Krebsheilmethoden.
Sehe ich so krank aus?
Aber es geht ihr darum, dass wir alle nur verarscht werden. Von der Medizin, der Politik und überhaupt. Sie plappert wie ein Wasserfall. In vielen Dingen hat sie sicherlich recht.
Ich weiß gar nicht, wann ich das letzte mal so viel geredet habe wie sie in dieser kurzen Zeit.
Sie empfiehlt mir Gisela Elsner und Thomas Strittmatter. Habe von beiden noch nichts gelesen.
Gehe um Mitternacht und vergesse, mich vernünftig zu verabschieden. Hoffentlich denken sie nicht, das wäre Absicht.
Bettina Andrae - am Sonntag, 09. Februar 2003, 11:30
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