Werfe eine Münze, ob ich nach Kreuzberg fahren soll, sechs Stunden in der Schule zuzubringen oder einfach schwänzen. Freue mich wie ein Schneekönig über Kopf.
Kopf sollte schwänzen bedeuten.
Fahre trotzdem los.
Drei Blöcke a zwei Stunden.
Verkauf, Rechnungswesen, Literatur.
Von einem Lehrer wird mir nahe gelegt, an der Klassenfahrt nach Prag unbedingt teilzunehmen.
"Gerade ihnen würde ich das raten, Frau Andrae. Ihre Vorgänger haben auch immer alle daran teilgenommen. Ich habe ein interessantes literarisches Programm ausgearbeitet."
Mir wird unbehaglich bei der Vorstellung, in einem Pulk mit Lehrer nach Prag zu fahren und ein interessantes literarisches Programm geboten zu bekommen.
Ich lehne dankend ab. Er scheint beleidigt.
Wie kann man so etwas denn von erwachsenen Menschen fordern wollen?
Ähnlich bedrohlich empfinde ich die Ankündigung im Fach Verkauf, die kommende Woche fingierte Verkaufssituationen, in Rollenspielen nachgestellt, vorsieht.
Dazu müssten Gruppen gebildet werden. Das ganze würde dann auf Video festgehalten und im Anschluss ausgewertet.
Die Mehrheit scheint davon tatsächlich begeistert. Warum besuchen sie in ihrer Freizeit keine Laienspiel-Gruppen?
In der Mittagspause wunderschönes Wetter.
Mit Nudeln und Tee raus auf das Gelände hinter der Mensa. Ein paar Stufen hinter der gepflasterten Fläche hoch; Hecken und dahinter eine Bank. Kein Mensch weiter dort.
Die scharfe, kalte Luft. Dazu die gleißende Sonne. Schließe die Augen und halte ihr meine Zähne entgegen. Das macht glücklich, wegen der vielen Hormone, die dabei entstehen sollen. Über die Zähne wird am meisten Strahlung absorbiert, sagt meine Großmutter.
Ob Rentner oder eben Leute ohne Zähne auch gegen böse Strahlung gefeit sind?
Muss mal nach Statistiken über Tschernobyl suchen, ob die Alten gegenüber den Jungen weniger Schaden genommen haben.
Das Wetter macht wirklich glücklich. Es erinnert mich an Zacatecas. Ein Morgen in der Stadt im Norden Mexicos. Azaleen überall, eine Bank auf der ich saß, während Elli süßes Weißbrot kaufte. Elli hat immer das süße Weißbrot gekauft, drei Monate lang, weil sie den Geruch der Panaderias so liebte.
Kann man sich an Gerüche erinnern? Versuche es mit dem Geruch der verfaulten Agaven-Felder. Nur riesige, braunmatschige Pflanzen so weit man sehen kann...
Es klappt, glaube den Geruch in der Nase zu haben.
Die Nudeln sind kalt und so gut wie unangerührt. Der Tee auch.
Im letzten Block Literatur. Der Lehrer stellt sich als Klassenleiter vor. Er ist jung und ziemlich aufgeregt. Sympathisch aber.
Er fragt mich, ob ich Bettina Andrae bin.
" '97 Abitur in Pankow am List-Gymnasium?"
"Ja."
"Ein strenges Regime, so schlimm wird's hier nicht."
Er wäre zu dieser Zeit dort Referendar gewesen. Ich kann mich aber nicht an ihn erinnern. Er wohne in der Dunkerstrasse, wäre auch montags schon mal im Schulze gewesen. Grinsen.
Er gibt einen Text herum, was die Klasse dazu denke.
Ein Artikel über Schreibschulen, das Literaturinstitut in Leipzig, Treichel, Haslinger und Juli Zeh.
Kann man Schreiben erlernen? Was soll ein Schriftsteller studieren?
Ein Mädchen meldet sich. Sie sagt, dass man Schreiben nicht erlernen könne.
"Also die echten Schriftsteller, die haben von Anfang an so einen Drang. Es muss aus ihnen heraus, so ganz ursprünglich und unverfälscht. Die können das schon immer, die müssen nichts lernen."
Mehr Meinungen gibt es nicht. Ich werde vom Klassenlehrer herausfordernd angeschaut. Bin wie gelähmt, will und kann gar nichts sagen. Ärgerlich, weil das eigentlich sehr interessant ist. Aber es ist alles so peinlich. Bin ich deshalb arrogant?
Am Nachmittag spazieren.
Einer von zwei Knöpfen platzt an meiner Hose ab als ich mich zum Zeitung lesen ins Alea setze. Er fällt mit einem Pling auf den Boden zwischen meine Füße. Der Kellner sieht es.
Ich bestelle einen Kaffee, trinke schnell aus, zahle und fahre zu Lubosch.
Es ist schön, dass wir so viel Zeit miteinander verbringen, ohne uns auf die Nerven zu gehen. Jeder macht seins und lässt den anderen in Ruhe. In allen vorherigen Beziehungen habe ich soviel Nähe nicht lange ertragen.
Bis in die Nacht am Mac.
Kopf sollte schwänzen bedeuten.
Fahre trotzdem los.
Drei Blöcke a zwei Stunden.
Verkauf, Rechnungswesen, Literatur.
Von einem Lehrer wird mir nahe gelegt, an der Klassenfahrt nach Prag unbedingt teilzunehmen.
"Gerade ihnen würde ich das raten, Frau Andrae. Ihre Vorgänger haben auch immer alle daran teilgenommen. Ich habe ein interessantes literarisches Programm ausgearbeitet."
Mir wird unbehaglich bei der Vorstellung, in einem Pulk mit Lehrer nach Prag zu fahren und ein interessantes literarisches Programm geboten zu bekommen.
Ich lehne dankend ab. Er scheint beleidigt.
Wie kann man so etwas denn von erwachsenen Menschen fordern wollen?
Ähnlich bedrohlich empfinde ich die Ankündigung im Fach Verkauf, die kommende Woche fingierte Verkaufssituationen, in Rollenspielen nachgestellt, vorsieht.
Dazu müssten Gruppen gebildet werden. Das ganze würde dann auf Video festgehalten und im Anschluss ausgewertet.
Die Mehrheit scheint davon tatsächlich begeistert. Warum besuchen sie in ihrer Freizeit keine Laienspiel-Gruppen?
In der Mittagspause wunderschönes Wetter.
Mit Nudeln und Tee raus auf das Gelände hinter der Mensa. Ein paar Stufen hinter der gepflasterten Fläche hoch; Hecken und dahinter eine Bank. Kein Mensch weiter dort.
Die scharfe, kalte Luft. Dazu die gleißende Sonne. Schließe die Augen und halte ihr meine Zähne entgegen. Das macht glücklich, wegen der vielen Hormone, die dabei entstehen sollen. Über die Zähne wird am meisten Strahlung absorbiert, sagt meine Großmutter.
Ob Rentner oder eben Leute ohne Zähne auch gegen böse Strahlung gefeit sind?
Muss mal nach Statistiken über Tschernobyl suchen, ob die Alten gegenüber den Jungen weniger Schaden genommen haben.
Das Wetter macht wirklich glücklich. Es erinnert mich an Zacatecas. Ein Morgen in der Stadt im Norden Mexicos. Azaleen überall, eine Bank auf der ich saß, während Elli süßes Weißbrot kaufte. Elli hat immer das süße Weißbrot gekauft, drei Monate lang, weil sie den Geruch der Panaderias so liebte.
Kann man sich an Gerüche erinnern? Versuche es mit dem Geruch der verfaulten Agaven-Felder. Nur riesige, braunmatschige Pflanzen so weit man sehen kann...
Es klappt, glaube den Geruch in der Nase zu haben.
Die Nudeln sind kalt und so gut wie unangerührt. Der Tee auch.
Im letzten Block Literatur. Der Lehrer stellt sich als Klassenleiter vor. Er ist jung und ziemlich aufgeregt. Sympathisch aber.
Er fragt mich, ob ich Bettina Andrae bin.
" '97 Abitur in Pankow am List-Gymnasium?"
"Ja."
"Ein strenges Regime, so schlimm wird's hier nicht."
Er wäre zu dieser Zeit dort Referendar gewesen. Ich kann mich aber nicht an ihn erinnern. Er wohne in der Dunkerstrasse, wäre auch montags schon mal im Schulze gewesen. Grinsen.
Er gibt einen Text herum, was die Klasse dazu denke.
Ein Artikel über Schreibschulen, das Literaturinstitut in Leipzig, Treichel, Haslinger und Juli Zeh.
Kann man Schreiben erlernen? Was soll ein Schriftsteller studieren?
Ein Mädchen meldet sich. Sie sagt, dass man Schreiben nicht erlernen könne.
"Also die echten Schriftsteller, die haben von Anfang an so einen Drang. Es muss aus ihnen heraus, so ganz ursprünglich und unverfälscht. Die können das schon immer, die müssen nichts lernen."
Mehr Meinungen gibt es nicht. Ich werde vom Klassenlehrer herausfordernd angeschaut. Bin wie gelähmt, will und kann gar nichts sagen. Ärgerlich, weil das eigentlich sehr interessant ist. Aber es ist alles so peinlich. Bin ich deshalb arrogant?
Am Nachmittag spazieren.
Einer von zwei Knöpfen platzt an meiner Hose ab als ich mich zum Zeitung lesen ins Alea setze. Er fällt mit einem Pling auf den Boden zwischen meine Füße. Der Kellner sieht es.
Ich bestelle einen Kaffee, trinke schnell aus, zahle und fahre zu Lubosch.
Es ist schön, dass wir so viel Zeit miteinander verbringen, ohne uns auf die Nerven zu gehen. Jeder macht seins und lässt den anderen in Ruhe. In allen vorherigen Beziehungen habe ich soviel Nähe nicht lange ertragen.
Bis in die Nacht am Mac.
Bettina Andrae - am Dienstag, 18. Februar 2003, 21:50