Stehe in aller Herrgottsfrühe auf. Habe mich scheinbar tatsächlich schon an diesen Geordnetes Leben-Rhythmus gewöhnt.
Duschen. An den Schreibtisch. Mache ein bisschen an einer Idee herum. Dann doch noch müde. Aber jetzt noch mal ins Bett wäre fatal.
Vielleicht sollte ich mich mit Apfelessig einreiben oder so. Habe mal gehört, das soll gut sein.
Kriege stattdessen Lust auf Faxen machen.
Schreibe an Papa eine Post, in der ich behaupte, dass ich ihn gerne über meine momentane Lebenslage informieren wolle, ich hätte das Gefühl, zwischen uns stimme die Kommunikation nicht mehr richtig. Schließlich, wir haben uns seit mehreren Tagen schon nicht mehr gesehen. Jeder bekäme nur über zwei Ecken etwas vom anderen mit, so entstünden Gerüchte über meinen Lebenswandel, die wolle ich dementieren.
Es läge mir viel an einem guten Verhältnis.
Um mögliche Missverständnisse aus dem Weg zu räumen, hätte ich ein kleines Ton-Dokument für ihn aufgenommen, das ein für allemal Klarheit schaffen solle. Dass es etwas rauscht, läge daran, dass ich es auf dem Klo aufgenommen hätte.
Hänge eine Schnippselei von Fragmenten Honeckers letzten Interviews als MP3 folgenden Wortlautes an.
Was die Behaupdung - ... - an - ... - belangt - öh- dass wir in Wandlitz - öh - in Saus und Braus - ... - gelebt haben, dass wir - ... - Wasser geredet - ... - und Wein gedrunken haben - ... - so möchde ich - ... - für mich und meine Familie fest - ... - stellen, dass wir - ... - überhaubt gor gein Wein - ... - gedrunken haben. Und erst recht - ... - kein Wodka - ... - und auch kein Cognac.
Wir ham uns - ... - begnügt - ... - mit Bier - ... - und dem normalen Essen - ... - dass für jeden Bürger der DDR zur - ... - Verfügung stand.
Ich habe - ................ - jeden Morgen - ... - ein - ... - oder zwei - ... - Brödchen gegessen - ... - mid Budder und - ... - Honig - ... - Middags - ... - hab ich im Dsendralgommitee - ... - gegessen - ... - entweder gegrillte Wurst - ... - mid Gardoffelbüree - ... - Maggerohni mid Schbegg - ... - oder mid Gullasch. Abends - ... - hab ich zu Hause - ... - gegessen - ... - etwas Fernsehen ge - ... - sehen und bin schlafen gegangen - ... - wenn es die Dseit ermöglischt had, weil ich zur selben Zeit in Berlin war! - ... - Wenn ich auserhalb war - ... - so hab ich - ... - von dem gelebt, was mir - ... - Genossen angeboten haben.
Ich weiß, dass Papa das amüsieren wird, obwohl er der Bande noch immer nichts verzeiht.
Leider endet der letzte Satz nicht auf .. Genossen zugesteckt haben .
Dann mit dem Rad in die Wörther Strasse.
Die sechzig Exemplare Judith Hermanns Buch sind restlos ausverkauft. Nach nur einer Woche.
Stupid White Men geht auch wie Hölle. Fast täglich Nachbestellungen.
Kurz nach Ladenöffnung kommt eine alte Frau herein gehutzelt. Zielsicher und energetisch kommt sie auf Frau M. und mich zu gewackelt.
Dunkelblaues Popelin-Mäntelchen mit Kaninchenfell-Kragen und eine Mütze wie ein Mini-Turban in gleichem Blau.
Sie hat lustige Augen. Klein und rot-gerubbelt. Funkelnd. Darüber eine monströse Brille, die sie aber schnell abnimmt, weil es wohl keine Lesebrille ist.
Sie linst auf ein Zettelchen, das sie zuvor aus ihrer altmodischen Handtasche genestelt hat. Darauf sind winzig klein etliche Titel notiert, von denen sie wissen will, ob die hier "käuflich zu erwerben sind, wat?"
Im breitesten Berlinerisch.
"Wattick fragen wollte, hamse Janz Berlin is een Jedicht da? Und den kleen' Knigge, hamse den da? Und dit Berliner Liederbuch? Und Zille, hamse den? Und Kochen nach Berliner Rezepte? Hamse da?
Wissense, dit hat mir meene Nichte hier notiert. Für wenn man mal wo is. Als Mittebringsel, wa? Immer jut, für jede Gelegenheit, wat? Halt ick sie von wat ab? Nö, wa.."
Frau M., stellt sich hinter sie. Bedeutet mir, sie ginge mal eben. Meine Kundin. Ein ironisches Grinsen.
Sie scheint nicht zu wissen, welche Freude sie mir damit macht. Von mir aus kann die Frau hier erzählen, so viel sie mag.
Tut sie auch.
"Kiekense mal! ", sie holt einen Kalender aus ihrer Handtasche und hält ihn mir unter die Nase.
"Sehnse, wat da steht? Da steht Elfriede. Na? Könnse sich wat denken?
Ja, Elfriede dit bin ick. Naja, eigentlich werdick ja immer gleich mal misstrauisch, wenn mich jemand Elfriede nennt. Denn isser nämlich nich ausm engeren Kreis, verstehnse? Für meine Familie bin ick ja Motte, wat? Motte. Weil ick immer die kleenste und die frechste war, hihi..
Und sehnse, der Kalender, der is janich oberflächlich oder so, kennt man ja och, son Quatsch hier mit oberflächlichen Sprüchen, wa?
Aber der hier.., ick kann ihn ja mal wat verraten. Also ick hab den vor zwee Jahren jeschenkt jekriegt. Und mich hattet fast ausn Socken jehebelt, wa? Na ick muss dit erklären. Kiekense ma, hier immer jeden Monat wat andret zu Elfriede. Allet Zufall, denkense, na ach spielt keene Rolle. Und hier bei Juli, kiekense mal da is der Eifelturm druff, und wat war Juli '44? Da war meen Mann grad in Paris. Und als er jestorben is hatter jesagt, eines Tages Elfriede, da siehste och noch mal den Eifelturm."
Sie funkelt triumphierend mit ihren kleinen Augen.
"Naja, aber dit nur am Rande, wa? Nur am Rande. Allet Zufall.."
Frau M. macht mir im Rücken der Alten Zeichen. Sie fährt mit der flachen Hand immer von links nach rechts vor ihrem Hals herum und verdreht die Augen.
"Und bei November, kiekense mal die kleene Katze, im November '78 habick meene Minka jekriegt. Und im November '89 isse jestorben. Jenau zehn Jahre. Immer im November..."
Ein anderer Kollege kommt hinter, zu mir und der Alten.
Er stellt mir ostentativ eine Tasse Tee auf den Tisch, so dass sogar die Alte das Zeichen versteht und mit "Ach entschuldigense, ick halte sie ab, wat?" ihre Sachen in die Handtasche zurück tut und davon trippelt.
Schade.
Ich weiß gar nicht, was man gegen so jemanden haben kann. Ich hätte ohnehin nichts wichtigeres zu tun gehabt.
Der Rest des Tages dann öde.
Mittags beim Inder.
Auf den Arbeitsschluss hin fiebern.
Habe das Gefühl, dass mir misstrauisch auf den Bauch gestarrt wird. Langsam lässt es sich nur noch schwer verbergen.
Zu Hause an den Rechner.
Abends mit Lubosch "Helge Schneider. Frühe Meisterwerke." Aus den Achziger Jahren, schon so genial wie jetzt.
Gehe nicht mehr in den Muff-Club, weil die Aussicht, Apfel- oder Tomatensaft statt Bier zu trinken, irgendwie die Lust darauf gen Null tendieren lässt.
Duschen. An den Schreibtisch. Mache ein bisschen an einer Idee herum. Dann doch noch müde. Aber jetzt noch mal ins Bett wäre fatal.
Vielleicht sollte ich mich mit Apfelessig einreiben oder so. Habe mal gehört, das soll gut sein.
Kriege stattdessen Lust auf Faxen machen.
Schreibe an Papa eine Post, in der ich behaupte, dass ich ihn gerne über meine momentane Lebenslage informieren wolle, ich hätte das Gefühl, zwischen uns stimme die Kommunikation nicht mehr richtig. Schließlich, wir haben uns seit mehreren Tagen schon nicht mehr gesehen. Jeder bekäme nur über zwei Ecken etwas vom anderen mit, so entstünden Gerüchte über meinen Lebenswandel, die wolle ich dementieren.
Es läge mir viel an einem guten Verhältnis.
Um mögliche Missverständnisse aus dem Weg zu räumen, hätte ich ein kleines Ton-Dokument für ihn aufgenommen, das ein für allemal Klarheit schaffen solle. Dass es etwas rauscht, läge daran, dass ich es auf dem Klo aufgenommen hätte.
Hänge eine Schnippselei von Fragmenten Honeckers letzten Interviews als MP3 folgenden Wortlautes an.
Was die Behaupdung - ... - an - ... - belangt - öh- dass wir in Wandlitz - öh - in Saus und Braus - ... - gelebt haben, dass wir - ... - Wasser geredet - ... - und Wein gedrunken haben - ... - so möchde ich - ... - für mich und meine Familie fest - ... - stellen, dass wir - ... - überhaubt gor gein Wein - ... - gedrunken haben. Und erst recht - ... - kein Wodka - ... - und auch kein Cognac.
Wir ham uns - ... - begnügt - ... - mit Bier - ... - und dem normalen Essen - ... - dass für jeden Bürger der DDR zur - ... - Verfügung stand.
Ich habe - ................ - jeden Morgen - ... - ein - ... - oder zwei - ... - Brödchen gegessen - ... - mid Budder und - ... - Honig - ... - Middags - ... - hab ich im Dsendralgommitee - ... - gegessen - ... - entweder gegrillte Wurst - ... - mid Gardoffelbüree - ... - Maggerohni mid Schbegg - ... - oder mid Gullasch. Abends - ... - hab ich zu Hause - ... - gegessen - ... - etwas Fernsehen ge - ... - sehen und bin schlafen gegangen - ... - wenn es die Dseit ermöglischt had, weil ich zur selben Zeit in Berlin war! - ... - Wenn ich auserhalb war - ... - so hab ich - ... - von dem gelebt, was mir - ... - Genossen angeboten haben.
Ich weiß, dass Papa das amüsieren wird, obwohl er der Bande noch immer nichts verzeiht.
Leider endet der letzte Satz nicht auf .. Genossen zugesteckt haben .
Dann mit dem Rad in die Wörther Strasse.
Die sechzig Exemplare Judith Hermanns Buch sind restlos ausverkauft. Nach nur einer Woche.
Stupid White Men geht auch wie Hölle. Fast täglich Nachbestellungen.
Kurz nach Ladenöffnung kommt eine alte Frau herein gehutzelt. Zielsicher und energetisch kommt sie auf Frau M. und mich zu gewackelt.
Dunkelblaues Popelin-Mäntelchen mit Kaninchenfell-Kragen und eine Mütze wie ein Mini-Turban in gleichem Blau.
Sie hat lustige Augen. Klein und rot-gerubbelt. Funkelnd. Darüber eine monströse Brille, die sie aber schnell abnimmt, weil es wohl keine Lesebrille ist.
Sie linst auf ein Zettelchen, das sie zuvor aus ihrer altmodischen Handtasche genestelt hat. Darauf sind winzig klein etliche Titel notiert, von denen sie wissen will, ob die hier "käuflich zu erwerben sind, wat?"
Im breitesten Berlinerisch.
"Wattick fragen wollte, hamse Janz Berlin is een Jedicht da? Und den kleen' Knigge, hamse den da? Und dit Berliner Liederbuch? Und Zille, hamse den? Und Kochen nach Berliner Rezepte? Hamse da?
Wissense, dit hat mir meene Nichte hier notiert. Für wenn man mal wo is. Als Mittebringsel, wa? Immer jut, für jede Gelegenheit, wat? Halt ick sie von wat ab? Nö, wa.."
Frau M., stellt sich hinter sie. Bedeutet mir, sie ginge mal eben. Meine Kundin. Ein ironisches Grinsen.
Sie scheint nicht zu wissen, welche Freude sie mir damit macht. Von mir aus kann die Frau hier erzählen, so viel sie mag.
Tut sie auch.
"Kiekense mal! ", sie holt einen Kalender aus ihrer Handtasche und hält ihn mir unter die Nase.
"Sehnse, wat da steht? Da steht Elfriede. Na? Könnse sich wat denken?
Ja, Elfriede dit bin ick. Naja, eigentlich werdick ja immer gleich mal misstrauisch, wenn mich jemand Elfriede nennt. Denn isser nämlich nich ausm engeren Kreis, verstehnse? Für meine Familie bin ick ja Motte, wat? Motte. Weil ick immer die kleenste und die frechste war, hihi..
Und sehnse, der Kalender, der is janich oberflächlich oder so, kennt man ja och, son Quatsch hier mit oberflächlichen Sprüchen, wa?
Aber der hier.., ick kann ihn ja mal wat verraten. Also ick hab den vor zwee Jahren jeschenkt jekriegt. Und mich hattet fast ausn Socken jehebelt, wa? Na ick muss dit erklären. Kiekense ma, hier immer jeden Monat wat andret zu Elfriede. Allet Zufall, denkense, na ach spielt keene Rolle. Und hier bei Juli, kiekense mal da is der Eifelturm druff, und wat war Juli '44? Da war meen Mann grad in Paris. Und als er jestorben is hatter jesagt, eines Tages Elfriede, da siehste och noch mal den Eifelturm."
Sie funkelt triumphierend mit ihren kleinen Augen.
"Naja, aber dit nur am Rande, wa? Nur am Rande. Allet Zufall.."
Frau M. macht mir im Rücken der Alten Zeichen. Sie fährt mit der flachen Hand immer von links nach rechts vor ihrem Hals herum und verdreht die Augen.
"Und bei November, kiekense mal die kleene Katze, im November '78 habick meene Minka jekriegt. Und im November '89 isse jestorben. Jenau zehn Jahre. Immer im November..."
Ein anderer Kollege kommt hinter, zu mir und der Alten.
Er stellt mir ostentativ eine Tasse Tee auf den Tisch, so dass sogar die Alte das Zeichen versteht und mit "Ach entschuldigense, ick halte sie ab, wat?" ihre Sachen in die Handtasche zurück tut und davon trippelt.
Schade.
Ich weiß gar nicht, was man gegen so jemanden haben kann. Ich hätte ohnehin nichts wichtigeres zu tun gehabt.
Der Rest des Tages dann öde.
Mittags beim Inder.
Auf den Arbeitsschluss hin fiebern.
Habe das Gefühl, dass mir misstrauisch auf den Bauch gestarrt wird. Langsam lässt es sich nur noch schwer verbergen.
Zu Hause an den Rechner.
Abends mit Lubosch "Helge Schneider. Frühe Meisterwerke." Aus den Achziger Jahren, schon so genial wie jetzt.
Gehe nicht mehr in den Muff-Club, weil die Aussicht, Apfel- oder Tomatensaft statt Bier zu trinken, irgendwie die Lust darauf gen Null tendieren lässt.
Bettina Andrae - am Donnerstag, 13. Februar 2003, 19:27
bov meinte am 14. Feb, 16:05:
Essig
Hilft nicht immer. Meine Mutter wollte meine Oma damit wieder lebendig machen nachm Herzinfarkt, Brust mit Essig einreiben und so, hat aber nicht geklappt. Kann sein, dass es hilft, wenn man nur normal müde ist und nicht tot.
Bettina Andrae antwortete am 15. Feb, 09:05:
Hausmedizin
Womöglich gehört Deine Mutter noch zur Doktor Brauchle-Generation?Doktor Brauchle war, sagen wir mal so in den Dreißigern, ein sehr beliebtes und sehr dickes Hausmedizin-Buch. Doktor Brauchle kannte sich aus mit Husten, Krebs, Schanker und allem anderen auch. Zur Therapie riet er immer und nahezu ausschließlich: frische Luft, Rohkost, Körperertüchtigung, Wadenwickel!
Aber ich meine, bei ihm auch ab und an von Essig gehört zu haben.
Ja ja, der gute Doktor Meng.. ähh Brauchle.
bov antwortete am 15. Feb, 13:59:
Schanker
ist unserer Familie gänzlich unbekannt. Die schlimmsten Folgen gelegentlichen Geschlechtsverkehrs in den zurückliegenden Generationen waren (im doppelten Wortsinn: mütterlicherseits) zwar einige uneheliche Kinder. Aber kein Schanker. Husten und Krebs, sicher. Das gab es.Der Essig ist die billige Variante vom Franzbranntwein, denkt man. Die einzigen Hausgurus von denen ich gehört habe, waren der Mühlhiasl und die Sibylle von Prag. Das lappt aber schon sehr ins Vormoderne, um nicht zu sagen Vorsintflutliche.