Von Karlchen geträumt, dass er seine Stimme bei einer eigentlich routinemäßigen Mandel-OP verloren hat.
Die Ärzte haben gepfuscht und nun ist er stumm. Grotesker Weise erfährt er aber gerade deshalb einen Karriereschub.
Vor ausverkauften Hallen steht er vorn am Bühnenrand, malträtiert das Paddle Steel und quietscht ab und an unkontrolliert.
Eigentlich ist es gar keine richtige Musik.
Miete und Falke stehen in Trauerschwarz etwa einen Meter hinter ihm, mit vor der Brust verschränkten Armen wie zwei Bodyguards. Das Paddle Steel wirkt wie eine Mischung aus riesiger Nähmaschine und Hobelbank. Außerdem qualmt und schnauft es wie ein Dampf betriebenes Gerät.
Ich mitten im Publikum, dass vollkommen am Ausrasten ist. Karlchen der stumme Musiker, ein Star.
Habe keine Lust, schon so früh aufzustehen. Bleibe lieber noch im Bett liegen und denke über das stumme Karlchen nach.
Finnland, dort hat er sich die ganze Zeit schon aufs Baltikum gefreut, wegen der gefüllten Teig-Taschen.
Von Helsinki nach Tallinn, wo sie uns nur eine Stunde nach der Überfahrt gleich das Auto ausgeräumt haben - auf einem bewachten Parkplatz. Fast das ganze Gepäck weg.
Dann Lettland, die Kurische Nehrung und Litauen.
Schade, dass Karlchen alle Photos davon hat.
Sowieso, seine Archivier-Wut dabei.
Fünf Jahre fein säuberlich in riesige Alben geklebt und mit neckischen Unterschriften versehen. Erinnere mich, dass er bei dieser Arbeit fast unansprechbar war. Voller Eifer saß er über den Alben und hat geschnitten, arrangiert und geklebt.
Nehme mir vor, sobald wie möglich noch einmal dorthin zu fahren. Allein.
E. ist stinkig, dass ich noch immer nicht die Ausrüstungssachen zurückgebracht habe, ihr Vater bräuchte die dringend.
Warum sie sich die nicht einfach mal selber abholt, sie ist doch ständig in meiner Nähe. Sogar mit dem Auto. Das ist reines Prinzip.
Mitten in meinem Ärger fällt mir ein, dass ich die Rumänien-Bilder noch nicht entwickelt habe. Und das Gebiss, das ich gefunden hatte, wollte ich doch einem Fachmann zeigen. Ob es von einem Wolf ist, wie ich vermute. Wo habe ich das eigentlich liegen?
Suche bis 12.00 Uhr nach etwas passendem für den Wettbewerb. Kann mich nicht entscheiden, ob lieber zwei Kurztexte oder einen längeren Ausschnitt. Warum sie nicht lieber ein Thema statt der Länge vorgeben.
Mit Lubosch 13.00 Uhr einkaufen fahren in den Großmarkt, um dort alles nötige fürs Kochen im Puff zu besorgen.
Rindergulasch mit Rotkohl und Klößen will ich machen. Karola meint, ich müsste so für gut 20 Leute planen.
Unglaublich, wie lange alles dauert. Lubosch ist unfähig, logisch dabei vorzugehen. Ziellos irrt er durch die Gänge und schleppt die unsinnigsten Dinge an. Er ist der Meinung, unbedingt einen Wischeimer mit dazugehörigem Aufsatz und Mopp zu brauchen. Ich frage mich, wozu. Er besitzt so etwas doch schon.
Ich habe längst alle Dinge für das Kochen zusammen, trotzdem rennt er aufgeregt hin und her, weil er meint, er bräuchte noch dies und jenes für morgen zum Frühstück.
Dies und jenes übersteigt dann im Preis die Dinge für das 20-Mann-Essen um mehr als das doppelte.
Wahrscheinlich verwirrt ihm der Duft nach all der Wurst hier die Sinne.
Wir placken alles in seine Fischbüchse.
Kaum sitzt er vor dem Lenkrad, holt er noch auf dem Parkplatz eine Packung Würste und einen Napf mit bayrischem Senf hervor. In einer Wahnsinns-Geschwindigkeit vertilgt er zwei Würste, während er von einer jungen Familie, die neben uns ihr Auto belädt, entgeistert angestarrt wird.
Ich ärgere mich darüber, dass ich mich deshalb über ihn ärgere.
Dann werfe ich ihm auch noch vor, von seinen Eltern falsch erzogen worden zu sein.
"Du hast bestimmt immer sofort alles bekommen, was du haben wolltest, stimmt's?" "Ja, ja.."
"Du hast bestimmt immer so richtig ätzend gequengelt. Verzogen!"
"Ja, ja.."
"Von wegen, du kannst problemlos ein paar Tage mal nichts essen.."
"Ich hab eben nie vernünftig zu essen gelernt. Es gab immer alles bei uns. Ich wurde ja regelrecht gemästet. Meine Alten hatten doch selbst nur das Essen im Kopf. Es ging nur ums Essen und Essen beschaffen..."
Ich fühle mich schlecht. Wie idiotisch, jemandem ausgerechnet seine Erziehung vorzuwerfen, für die er schließlich nichts kann.
In die Lotterstrasse. Alles in die Küche vom Puff bringen und dann bei Lubosch an den Rechner. Sinnloses Gekritzel. Aber eine gute Idee für Montag.
Dann apathisch vor dem Fernseher. Es kommt nur Schwachsinn. Sogar ich bin bestens über die Ereignisse von Deutschland sucht den Superstar informiert, obwohl ich die Sendung noch nie gesehen habe. Auf allen Kanälen tönt es davon. So füllen sie wahrscheinlich billig ihre Sendezeit. Zum Kotzen.
Darüber vergesse ich auch noch vollkommen, mir im Radio das Feature anzuhören. Ich wollte es eigentlich sogar aufnehmen. Ärgerlich, aber jemand anderes wird das sicherlich getan haben.
Meine Brüste erscheinen mir geradezu monströs.
Gucke abends nach Post. Oigen hat mir die Telefonnummer von Kerstin Hensel besorgt. Wie lieb von ihm. Außerdem Post an die Truppe von diesem Kevin-Günther. Er bittet um Texte für seine schwachsinnige Anthologie. Beim bloßen lesen seiner Mail kommt mir das Kotzen. Ganze Lesebühnen hätten sich hinter ihn gestellt, schreibt er großspurig. Warum sagt er denn nicht, welche.
Ich verstehe immer weniger, warum er das eigentlich machen will. Sogar die Darstellung der Bühnenmitglieder soll nun von denen selbst erledigt werden. Nö!
Cem macht Bar im Puff. Spinne und seine Freundin sind da. Sie erzählt mir von alternativen Krebsheilmethoden.
Sehe ich so krank aus?
Aber es geht ihr darum, dass wir alle nur verarscht werden. Von der Medizin, der Politik und überhaupt. Sie plappert wie ein Wasserfall. In vielen Dingen hat sie sicherlich recht.
Ich weiß gar nicht, wann ich das letzte mal so viel geredet habe wie sie in dieser kurzen Zeit.
Sie empfiehlt mir Gisela Elsner und Thomas Strittmatter. Habe von beiden noch nichts gelesen.
Gehe um Mitternacht und vergesse, mich vernünftig zu verabschieden. Hoffentlich denken sie nicht, das wäre Absicht.
Die Ärzte haben gepfuscht und nun ist er stumm. Grotesker Weise erfährt er aber gerade deshalb einen Karriereschub.
Vor ausverkauften Hallen steht er vorn am Bühnenrand, malträtiert das Paddle Steel und quietscht ab und an unkontrolliert.
Eigentlich ist es gar keine richtige Musik.
Miete und Falke stehen in Trauerschwarz etwa einen Meter hinter ihm, mit vor der Brust verschränkten Armen wie zwei Bodyguards. Das Paddle Steel wirkt wie eine Mischung aus riesiger Nähmaschine und Hobelbank. Außerdem qualmt und schnauft es wie ein Dampf betriebenes Gerät.
Ich mitten im Publikum, dass vollkommen am Ausrasten ist. Karlchen der stumme Musiker, ein Star.
Habe keine Lust, schon so früh aufzustehen. Bleibe lieber noch im Bett liegen und denke über das stumme Karlchen nach.
Finnland, dort hat er sich die ganze Zeit schon aufs Baltikum gefreut, wegen der gefüllten Teig-Taschen.
Von Helsinki nach Tallinn, wo sie uns nur eine Stunde nach der Überfahrt gleich das Auto ausgeräumt haben - auf einem bewachten Parkplatz. Fast das ganze Gepäck weg.
Dann Lettland, die Kurische Nehrung und Litauen.
Schade, dass Karlchen alle Photos davon hat.
Sowieso, seine Archivier-Wut dabei.
Fünf Jahre fein säuberlich in riesige Alben geklebt und mit neckischen Unterschriften versehen. Erinnere mich, dass er bei dieser Arbeit fast unansprechbar war. Voller Eifer saß er über den Alben und hat geschnitten, arrangiert und geklebt.
Nehme mir vor, sobald wie möglich noch einmal dorthin zu fahren. Allein.
E. ist stinkig, dass ich noch immer nicht die Ausrüstungssachen zurückgebracht habe, ihr Vater bräuchte die dringend.
Warum sie sich die nicht einfach mal selber abholt, sie ist doch ständig in meiner Nähe. Sogar mit dem Auto. Das ist reines Prinzip.
Mitten in meinem Ärger fällt mir ein, dass ich die Rumänien-Bilder noch nicht entwickelt habe. Und das Gebiss, das ich gefunden hatte, wollte ich doch einem Fachmann zeigen. Ob es von einem Wolf ist, wie ich vermute. Wo habe ich das eigentlich liegen?
Suche bis 12.00 Uhr nach etwas passendem für den Wettbewerb. Kann mich nicht entscheiden, ob lieber zwei Kurztexte oder einen längeren Ausschnitt. Warum sie nicht lieber ein Thema statt der Länge vorgeben.
Mit Lubosch 13.00 Uhr einkaufen fahren in den Großmarkt, um dort alles nötige fürs Kochen im Puff zu besorgen.
Rindergulasch mit Rotkohl und Klößen will ich machen. Karola meint, ich müsste so für gut 20 Leute planen.
Unglaublich, wie lange alles dauert. Lubosch ist unfähig, logisch dabei vorzugehen. Ziellos irrt er durch die Gänge und schleppt die unsinnigsten Dinge an. Er ist der Meinung, unbedingt einen Wischeimer mit dazugehörigem Aufsatz und Mopp zu brauchen. Ich frage mich, wozu. Er besitzt so etwas doch schon.
Ich habe längst alle Dinge für das Kochen zusammen, trotzdem rennt er aufgeregt hin und her, weil er meint, er bräuchte noch dies und jenes für morgen zum Frühstück.
Dies und jenes übersteigt dann im Preis die Dinge für das 20-Mann-Essen um mehr als das doppelte.
Wahrscheinlich verwirrt ihm der Duft nach all der Wurst hier die Sinne.
Wir placken alles in seine Fischbüchse.
Kaum sitzt er vor dem Lenkrad, holt er noch auf dem Parkplatz eine Packung Würste und einen Napf mit bayrischem Senf hervor. In einer Wahnsinns-Geschwindigkeit vertilgt er zwei Würste, während er von einer jungen Familie, die neben uns ihr Auto belädt, entgeistert angestarrt wird.
Ich ärgere mich darüber, dass ich mich deshalb über ihn ärgere.
Dann werfe ich ihm auch noch vor, von seinen Eltern falsch erzogen worden zu sein.
"Du hast bestimmt immer sofort alles bekommen, was du haben wolltest, stimmt's?" "Ja, ja.."
"Du hast bestimmt immer so richtig ätzend gequengelt. Verzogen!"
"Ja, ja.."
"Von wegen, du kannst problemlos ein paar Tage mal nichts essen.."
"Ich hab eben nie vernünftig zu essen gelernt. Es gab immer alles bei uns. Ich wurde ja regelrecht gemästet. Meine Alten hatten doch selbst nur das Essen im Kopf. Es ging nur ums Essen und Essen beschaffen..."
Ich fühle mich schlecht. Wie idiotisch, jemandem ausgerechnet seine Erziehung vorzuwerfen, für die er schließlich nichts kann.
In die Lotterstrasse. Alles in die Küche vom Puff bringen und dann bei Lubosch an den Rechner. Sinnloses Gekritzel. Aber eine gute Idee für Montag.
Dann apathisch vor dem Fernseher. Es kommt nur Schwachsinn. Sogar ich bin bestens über die Ereignisse von Deutschland sucht den Superstar informiert, obwohl ich die Sendung noch nie gesehen habe. Auf allen Kanälen tönt es davon. So füllen sie wahrscheinlich billig ihre Sendezeit. Zum Kotzen.
Darüber vergesse ich auch noch vollkommen, mir im Radio das Feature anzuhören. Ich wollte es eigentlich sogar aufnehmen. Ärgerlich, aber jemand anderes wird das sicherlich getan haben.
Meine Brüste erscheinen mir geradezu monströs.
Gucke abends nach Post. Oigen hat mir die Telefonnummer von Kerstin Hensel besorgt. Wie lieb von ihm. Außerdem Post an die Truppe von diesem Kevin-Günther. Er bittet um Texte für seine schwachsinnige Anthologie. Beim bloßen lesen seiner Mail kommt mir das Kotzen. Ganze Lesebühnen hätten sich hinter ihn gestellt, schreibt er großspurig. Warum sagt er denn nicht, welche.
Ich verstehe immer weniger, warum er das eigentlich machen will. Sogar die Darstellung der Bühnenmitglieder soll nun von denen selbst erledigt werden. Nö!
Cem macht Bar im Puff. Spinne und seine Freundin sind da. Sie erzählt mir von alternativen Krebsheilmethoden.
Sehe ich so krank aus?
Aber es geht ihr darum, dass wir alle nur verarscht werden. Von der Medizin, der Politik und überhaupt. Sie plappert wie ein Wasserfall. In vielen Dingen hat sie sicherlich recht.
Ich weiß gar nicht, wann ich das letzte mal so viel geredet habe wie sie in dieser kurzen Zeit.
Sie empfiehlt mir Gisela Elsner und Thomas Strittmatter. Habe von beiden noch nichts gelesen.
Gehe um Mitternacht und vergesse, mich vernünftig zu verabschieden. Hoffentlich denken sie nicht, das wäre Absicht.
Bettina Andrae - am Sonntag, 09. Februar 2003, 11:30