Papa ruft mich 8.00 Uhr morgens an. Wohl weil er glaubt, mich damit zu wecken. Ein Spiel, von dem ich ihm gerne mal sagen würde, wie albern ich es finde. Ich tue es aber nie. Er hofft, dass ich müde und verstört klinge, damit er mir Vorwürfe wegen späten Aufstehens machen kann. Da er merkt, dass ich schon längst wach bin, versucht er es mit Belanglosem.
"Na, schon gefrühstückt?"
"Ja."
"Aha."
Er weiß nichts rechtes zu sagen, hat gar kein wirkliches Anliegen. Wahrscheinlich hat er sich sogar selbst extra den Wecker stellen müssen, um mich zu dieser Zeit anzurufen.
Und ich helfe ihm auch noch aus der verdienten Klemme, indem ich ein Gespräch beginne.
"Ich wollte dich sowieso anrufen und fragen, ob es noch mehr Photos vom Onkel Bui in der Messerschmitt gibt. Ich habe nur das eine, das genau an der Stelle abgeschnitten ist, wo zu sehen wäre, wie viel er abgeschossen hat."
Das war ein Fehler.
"Wozu musst du das denn wissen? Schreibst du jetzt Landser-Romantik?"
"Nein. Es interessiert mich einfach. Man sieht nur so ein halbes Hakenkreuzchen."
"So ein Quatsch! Du glaubst, dass die für jedes abgeschossene feindliche Flugzeug ein Hakenkreuz-Abziehbildchen auf ihre Maschinen geklebt bekommen haben?"
"So ähnlich, hab ich gehört. Immerhin weißt du ja gleich, wovon ich spreche. So falsch kann es ja nicht sein."
"Doch. Ist falsch."
"Na dann.."
"..."
"Bettina?"
"Ja?"
"Was wolltest du denn nun wissen?"
"Nichts, ich hab gerade gemerkt, dass ich mich geirrt habe."
"Ach so.."
"Ja."
"Na dann."
"Ja, bis dann. Tschüss."
"Tschüss."
Mist. Genau so sah die Kommunikation zwischen uns beiden das letzte Jahr, damals bevor ich zu Hause ausgezogen bin, aus.
Er ärgert sich nach solchen Situationen bestimmt nicht weniger als ich. Irgendetwas lässt uns beide aber in regelmäßigen Abständen wie bockige Kinder miteinander zanken.
Versuche bis Mittag am Sawatzki weiterzukommen. Es gelingt mir aber nichts brauchbares, weil ich mich immer noch über Papa ärgere. Außerdem bemerke ich schon seit längerem eine Unlust an der ganzen Sache. Dabei war ich erst so überzeugt davon. Eigentlich ist es ja nur ein einziger Witz, dessen Pointe an der richtigen Stelle platziert und davor möglichst unauffällig umschifft sein will. Das ist so Strategie-Geschreibe, wie es fürs Krimi-Schreiben wohl sinnvoll ist.
Außerdem ist mir die Phantasiefigur Sawatzki nicht nahe genug, um sie glaubwürdig erscheinen zu lassen.
Obwohl ich mit ihr nahezu authentisch wäre, wenn ich es jetzt doch nicht zu Ende bringe.
Oigen musste schon lachen, als ich ihm von meinen Zweifeln erzählt habe. Er fragt immer nach, seit ich ihm vom Sawatzki erzählt habe. Er meint, man solle sich das ganze mal vor dreihundert Jahren vorstellen und wie absurd es dann wäre.
Genau weiß ich nicht, wie er das meint. Aber das geht mir bei ihm schließlich öfter so.
Ich weiß nur, wie absurd es wäre, wenn man das Manuskript mal nach meinem Tod finden würde, als einziges von mir.
Meinen Kindern könnte man das natürlich mal wünschen. Es wäre ihr Schaf im Trocknen.
Das Problem mit der Mammut-Saga ist wiederum, dass ich das Gefühle habe, es wäre zu früh dazu, wobei das Material schon unübersichtlich viel geworden ist. Ich merke, wie ich erst jetzt beginne, mich an entscheidende Sachen zu erinnern. Erinnerung mit einer gewissen Qualität, die einzelnes zusammenführt, logisch ist und reflektiert. Seit kurzem kommt nahezu täglich neues dazu, woran ich mich vor nur einem halben Jahr noch nicht hätte erinnern können, obwohl die Dinge sehr lange zurück liegen. Wie viel da noch versteckt sein muss.
Zum Mittag frisches Schwarzbrot mit Butter und Pflaumenmus.
Dabei Kerstin Hensels "Sperrgusche Trulla" aus "Im Spinnenhaus" noch einmal. Das lebt mehr von der Stimmung als von der eigentlichen Geschichte, die mir ein bisschen zu antiquiert-edelkitschig ist. Die Sprache wabert so komisch zwischen lyrisch und manieriert. Da muss man sich wirklich drauf einlassen wollen.
Um die Fähigkeit, diese Stimmung zu erzeugen beneide ich sie. Genau das gleiche, was mich als Kind schon an Preußlers Krabat fasziniert hat. Überhaupt, Krabat noch mal lesen.
Ich freue mich auf die Lesung mit ihr, kann mir aber nicht vorstellen, wie das aussehen soll.
Ich habe sie schließlich noch nie persönlich kennen gelernt. Und dann treffe ich vielleicht fünf Minuten vor der Lesung das erste mal mit ihr zusammen:
"Hallo ich bin Bettina."
"Ich bin Kerstin."
"Wir lesen hier heute zu zweit."
"Ja, habe ich auch schon von gehört."
"Wie viel Sachen machst du?"
"Wie viel denn Du?"
Ich werde versuchen, sie vorher schon mal zu treffen. Vielleicht kann man sich ein gemeinsames Thema ausmachen.
"Na, schon gefrühstückt?"
"Ja."
"Aha."
Er weiß nichts rechtes zu sagen, hat gar kein wirkliches Anliegen. Wahrscheinlich hat er sich sogar selbst extra den Wecker stellen müssen, um mich zu dieser Zeit anzurufen.
Und ich helfe ihm auch noch aus der verdienten Klemme, indem ich ein Gespräch beginne.
"Ich wollte dich sowieso anrufen und fragen, ob es noch mehr Photos vom Onkel Bui in der Messerschmitt gibt. Ich habe nur das eine, das genau an der Stelle abgeschnitten ist, wo zu sehen wäre, wie viel er abgeschossen hat."
Das war ein Fehler.
"Wozu musst du das denn wissen? Schreibst du jetzt Landser-Romantik?"
"Nein. Es interessiert mich einfach. Man sieht nur so ein halbes Hakenkreuzchen."
"So ein Quatsch! Du glaubst, dass die für jedes abgeschossene feindliche Flugzeug ein Hakenkreuz-Abziehbildchen auf ihre Maschinen geklebt bekommen haben?"
"So ähnlich, hab ich gehört. Immerhin weißt du ja gleich, wovon ich spreche. So falsch kann es ja nicht sein."
"Doch. Ist falsch."
"Na dann.."
"..."
"Bettina?"
"Ja?"
"Was wolltest du denn nun wissen?"
"Nichts, ich hab gerade gemerkt, dass ich mich geirrt habe."
"Ach so.."
"Ja."
"Na dann."
"Ja, bis dann. Tschüss."
"Tschüss."
Mist. Genau so sah die Kommunikation zwischen uns beiden das letzte Jahr, damals bevor ich zu Hause ausgezogen bin, aus.
Er ärgert sich nach solchen Situationen bestimmt nicht weniger als ich. Irgendetwas lässt uns beide aber in regelmäßigen Abständen wie bockige Kinder miteinander zanken.
Versuche bis Mittag am Sawatzki weiterzukommen. Es gelingt mir aber nichts brauchbares, weil ich mich immer noch über Papa ärgere. Außerdem bemerke ich schon seit längerem eine Unlust an der ganzen Sache. Dabei war ich erst so überzeugt davon. Eigentlich ist es ja nur ein einziger Witz, dessen Pointe an der richtigen Stelle platziert und davor möglichst unauffällig umschifft sein will. Das ist so Strategie-Geschreibe, wie es fürs Krimi-Schreiben wohl sinnvoll ist.
Außerdem ist mir die Phantasiefigur Sawatzki nicht nahe genug, um sie glaubwürdig erscheinen zu lassen.
Obwohl ich mit ihr nahezu authentisch wäre, wenn ich es jetzt doch nicht zu Ende bringe.
Oigen musste schon lachen, als ich ihm von meinen Zweifeln erzählt habe. Er fragt immer nach, seit ich ihm vom Sawatzki erzählt habe. Er meint, man solle sich das ganze mal vor dreihundert Jahren vorstellen und wie absurd es dann wäre.
Genau weiß ich nicht, wie er das meint. Aber das geht mir bei ihm schließlich öfter so.
Ich weiß nur, wie absurd es wäre, wenn man das Manuskript mal nach meinem Tod finden würde, als einziges von mir.
Meinen Kindern könnte man das natürlich mal wünschen. Es wäre ihr Schaf im Trocknen.
Das Problem mit der Mammut-Saga ist wiederum, dass ich das Gefühle habe, es wäre zu früh dazu, wobei das Material schon unübersichtlich viel geworden ist. Ich merke, wie ich erst jetzt beginne, mich an entscheidende Sachen zu erinnern. Erinnerung mit einer gewissen Qualität, die einzelnes zusammenführt, logisch ist und reflektiert. Seit kurzem kommt nahezu täglich neues dazu, woran ich mich vor nur einem halben Jahr noch nicht hätte erinnern können, obwohl die Dinge sehr lange zurück liegen. Wie viel da noch versteckt sein muss.
Zum Mittag frisches Schwarzbrot mit Butter und Pflaumenmus.
Dabei Kerstin Hensels "Sperrgusche Trulla" aus "Im Spinnenhaus" noch einmal. Das lebt mehr von der Stimmung als von der eigentlichen Geschichte, die mir ein bisschen zu antiquiert-edelkitschig ist. Die Sprache wabert so komisch zwischen lyrisch und manieriert. Da muss man sich wirklich drauf einlassen wollen.
Um die Fähigkeit, diese Stimmung zu erzeugen beneide ich sie. Genau das gleiche, was mich als Kind schon an Preußlers Krabat fasziniert hat. Überhaupt, Krabat noch mal lesen.
Ich freue mich auf die Lesung mit ihr, kann mir aber nicht vorstellen, wie das aussehen soll.
Ich habe sie schließlich noch nie persönlich kennen gelernt. Und dann treffe ich vielleicht fünf Minuten vor der Lesung das erste mal mit ihr zusammen:
"Hallo ich bin Bettina."
"Ich bin Kerstin."
"Wir lesen hier heute zu zweit."
"Ja, habe ich auch schon von gehört."
"Wie viel Sachen machst du?"
"Wie viel denn Du?"
Ich werde versuchen, sie vorher schon mal zu treffen. Vielleicht kann man sich ein gemeinsames Thema ausmachen.
Bettina Andrae - am Samstag, 08. Februar 2003, 01:23