Profil
Abmelden
Weblog abonnieren
icon

 
Wache schon mit schlechtem Gewissen auf, weil ich den zweiten Text für abends noch nicht fertig habe. Den Anfang ja - aber wo soll das hinführen? Werden sie "Luzi De Momenté" verstehen oder muss ich das erklären? Wirkt es ambitioniert, auf einer Lesebühne Descartes und das Bewusstsein zu thematisieren?

Fühle mich unbehaglich. Vor allem wegen des Traumes. Eigentlich nur die exakte Wiederholung eines Gesprächs mit Mutti über meinen Kinderalbtraum.

Wir sitzen in Glienicke am Küchentisch. Dass ich immer wieder diesen einen Traum hatte, in dem ich allein in meinem Kinderbett liege, die Bettwäsche ohne Bezug - nur dieser blaue Stoff um die Daunen, auf einer blau-gelb gestreiften Matratze. Mitten am Vormittag, denn ich bin krank und kann nicht in den Kindergarten gehen. Mutti ist Medizin in der Apotheke holen. Die Haustür steht offen und der Wind pfeift bis in mein Kinderzimmer hinein.
Da kommt ein fremder Mann mit einem grobleinenen Sack über der Schulter in unser Haus und direkt in mein Zimmer gestapft. Er hat ein schwarzfleckiges Gesicht. Wie ein Kohlenträger. Er nimmt seinen Sack von der Schulter und schüttet ihn über mir in meinem Kinderbett aus. Es fallen Champignons heraus und bilden über mir einen Berg, unter dem ich zu ersticken drohe. Dass ich an dieser Stelle immer aus dem Traum erwacht bin.
Mutti kann sich daran aber nicht erinnern. Das würde sie doch bemerkt haben, wenn ich als Kind an Albträumen gelitten hätte. Sie tippe eher auf meine überbordende Phantasie.
Ich werde wütend über ihre Ignoranz, die mir in letzter Zeit ohnehin Überhand zu nehmen scheint, jedenfalls was ihre Erinnerung an meine Kindheit anbelangt. Sage ihr das aber nicht, sondern gehe gekränkt.


Daran kann man sehen, welchen Schaden ein Mensch nehmen kann, wenn er nicht ernst genommen wird. Er wird introvertiert, arrogant und bitter.

Um Mittag herum zwei neue Klemmmappen in der Wörther Strasse. Fünf Euro das Stück, zum Sonderpreis. Eigentlich koste eine mindestens Neun Euro. Eine Frechheit ist das. Ich könnte mir in den Arsch beißen, dass ich damals nicht den ganzen Schwung aus Opas Nachlass genommen habe. Sie rochen mir zu stark nach Pfeifenqualm - so ein Schwachfug! Dafür sind diese jetzt sehr schön. Weinrot mit schwarzem Rücken und Anthrazit mit hellgrauem Rücken.
An handwerklich gut Verarbeitetes kann ich mein Herz verlieren. Karton und Papier sind ohnehin sehr schöne Materialien.

Gegen 14.00 Uhr dann bei Lubosch. Er schläft noch. Die Bettdecke hat er weggestrampelt, er schnarcht und liegt nackt auf dem Bauch. Rumpf unterhalb sieht er aus wie das Mädchen von Edward Munchs "Der Tod und das Mädchen". Schade, dass er nicht wissen würde, was ich meine, wenn ich es ihm sagte.
Schnieps kommt mir ständig hinterher gewuselt, als hätte ich je ein Schnitzel in meinen Arschtaschen. Ich werde ihn ab jetzt nur noch "Pestkatze" oder "35,- Euro" nennen, mal sehen. Wegen ihm muss ich nun ständig diese Toxoplasmose-Tests machen, die ich auch noch selber bezahlen muss, weil das die Kasse nicht trägt.

Frau M. will wissen, an welchen Tagen ich immer zur Schule müsste. Ich sage ihr, dass die Literaturort-Seite immer noch nicht funktioniert. Kein Wunder, wenn sie die vom 16-jährigen Sohn dieser Bibliothekarin basteln lassen. Aber sie ist ein wohl eher starrsinniger Mensch, lässt sich ungern von irgendwem reinreden.
Ich muss das ganze Gespräch über daran denken, wie herrlich dieser Zustand gerade ist - den ganzen Tag nur das tun zu können, was man will. In einer Woche ändert sich das. Für zwei Jahre zumindest. Ob ich das überhaupt noch ertragen kann, so eine Klassenzimmer-Situation?

Bringe den Treppen-Text für abends doch noch sehr schön zu Ende, wie ich finde. Seit mehreren Wochen der erste für die Bühne, der mir selbst richtig gefällt. Schade, dass Oigen nicht da sein wird. Er macht bei den Liedermachern mit.

Rufe M. an, eigentlich um zu fragen, ob sie nicht nach der Veranstaltung im Schulze vorbeikommen mag. Sie ist künstlich reserviert, wohl um ihrer Gekränktheit, weil ich mich so lange nicht mehr gemeldet habe, Ausdruck zu verleihen. Sie sei im Stress. Wir streiten uns dann fast noch darüber, ob das, was ich da wöchentlich mache, überhaupt Literatur sei. Sie findet's Scheiße, ohne jegliche Begründung. Genau wie G. Er sagt "Das ist doch alles Schrott ohne Aussage!", war aber noch nicht ein einziges mal dort, um es sich anzusehen.

Die Veranstaltung ist sehr gelungen, obwohl Oigen und Albert nicht dabei sind. Fast ausnahmslos gute Texte, Falkes und Karlchens Musik ein Highlight des Abends. Sogar überraschend gut besucht. Die zwei Kicher-Frauen sind wieder da. Sie lachen unablässig so laut, dass sie manchmal sogar die Leser übertönen. Selbst bei der Musik klopfen sie sich auf die Schenkel. Sie halten es scheinbar für Standup Comedy. Zora gefällt mir immer besser. Seit ich weiß, dass sie genau wie ich noch am Daumen lutscht, fühle ich mich ihr fast schwesterlich verbunden. Sie ist ein echter Gewinn für die Truppe.
Oigen und Albert kommen gegen Mitternacht auch noch ins Schulze. Oigens Liedermacher-Veranstaltung wäre sehr gut gelaufen, er habe sich aber von Klinker zum Kiffen verleiten lassen.
Komischerweise verknallt sich ein bestimmter Schlag Männer immer in Karlchen. Albert wird ganz servil in seiner Gegenwart und Klinker hat mal mit großer Bewunderung in der Stimme behauptet "Der sieht phantastisch aus. Wie der junge Augstein." Fand ich ja auch immer.

Uwe kommt noch vorbei und sitzt bedrippst mit Spinne, dessen Kumpelin Swantje und Zora in den Tigersesseln rum. Swantje versucht schon den ganzen Abend ihren Fitness-Vertrag an jemanden zu verhökern. Bei Uwe scheint sie Erfolg zu haben.
Ich will gerade gehen, als Lubosch noch überraschend ins Schulze herein elft. Diejenigen, die schon während der Veranstaltung da waren müssen lachen, weil im Lisenkreuz-Text eine wohl ziemlich gelungene Beschreibung von ihm vorkam.
Ein Bier und er fährt das Musik-Equipment für Falke und Karlchen nach Pankow.

Lubosch will mich in seiner Fischbüchse mitnehmen, obwohl ich lieber mit meinem schönen Fahrrad fahren will. So kommt es hinten hinein und ich lande tatsächlich noch bei Klinker, Piefke und Tom im Pilger. Die sind dort die letzten und vollkommen breit. Es tut mir fast körperlich weh, wie sie da so hocken und lallen.

Lubosch trifft die Tragik auf den Punkt, als er im Gehen meint "Die sahen aus, als würden sie da schon seit zehn Jahren so sitzen und Revolution machen, in zehn Jahren sitzen sie auch noch so da, nur noch betrunkener". Dabei bin ich mir nicht ganz sicher, ob er das nicht vielleicht nur aus Wut auf Klinker sagt, weil der drinnen seine Beine kurz auf meine Knie gelegt, provozierend gegrinst und ihn dann gefragt hat, ob er nicht auch glaube, dass es für alles eine Lösung gäbe.
 

twoday.net AGB

xml version of this page

powered by Antville powered by Helma